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Paavo Järvi, Arvo Pärt und Gidon Kremer prägen das 11. Sinfoniekonzert der Sächsischen Staatskapelle

Es war die vorletzte Gelegenheit, in dieser Spielzeit ein Werk des Capell-Compositeurs Arvo Pärt in einem Konzert der Staatskapelle zu erleben. Allerdings ist sein »Swansong« nur sieben Minuten lang – für das Stück als solches ist das angemessen, für die Residenz hätte sich mancher über den Arvo Pärt gewidmeten Abend am 4. März (NMB berichteten: https://neuemusikalischeblaetter.wordpress.com/2018/03/08/die-stille-und-arvo-paert/) hinaus auch einmal ein größeres Werk gewünscht. (Die geplante Aufführung der Sinfonie »Los Angeles« hatte krankheitsbedingt ausfallen müssen.)

Arvo Pärts Musik fasziniert ungemein, und auch dem 2017 revidierten Werk »Swansong« (ursprünglich als »Littlemore tactus« für Orgel und Singstimmen geschrieben) wohnt eine meditative Kraft inne. Mit Holzbläsern und Pizzicati werden zunächst kleine Strukturen vorgegeben, welche mit dem Hinzutreten von Blechbläsern und Schlagwerken mächtig anschwellen – es sind Metamorphosen eines kleinen Themas, das sich jedoch mächtig zu wandeln vermag. Nicht immer ist Pärts Musik minimalistisch, und selbst wenn, bedeutet minimalistisch nicht »klein« – die Staatskapelle bewies eine enorme Beweglichkeit, ließ leuchtende Farben, schwebende Harmonik hervortreten und ineinander überfließen. Auf Stufen oder Brüche hat der Komponist verzichtet und noch im (verhältnismäßig) größten Crescendo sorgt ein Glockenschlag für Ruhe – dem ganzen Werk wohnen Gelassenheit und Ruhe inne. Die Methamorphosen auf knappem Raum beeindruckten jedoch enorm.

Waren es zunächst die meditativen Impulse, folgten mit Mieczysław Weinbergs Konzert für Violine und Orchester g-Moll Opus 67 deren rhythmische, aufregende. Nicht eine tänzerische Rhythmik ist es – und wenn doch, so ist dies trügerisch. Gidon Kremer präsentierte sich als ein virtuoser Könner, einer, der seinen Part beherrscht und bis in kleine Nuancen ausfeilen kann. Kraftvoll setzte er seine Solostimme einem ganzen Orchester oder den »Angriffen« der Gruppen und Solisten entgegen, schwelgte in Kadenzen und Soli aber auch in sehnsuchtsvoller Schönheit. Dann wurde sein Ton singend, gläsern und fragil. Weinbergs Konzert bannt den Zuhörer mit seinen Gegensätzen und musikalischen Metaphern. In seiner Vieldeutigkeit und Scheinbarkeit, dem Trügerischen (wie dem »fröhlichen« Beginn des vierten Satzes) erinnert er zuweilen an seinen Freund Schostakowitsch. Und doch spricht das Werk für die Person, Zeit und die Umstände, hat eine enorme Eigenständigkeit. Auch Mieczysław Weinbergs »Die Passagierin«, deren Inszenierung im letzten Jahr für Aufsehen gesorgt hatte, spricht eine solche eindeutige und authentische Sprache.

Gidon Kremer bedankte sich für den Zuspruch (viele »Bravi«) mit zwei weiteren Werken Weinbergs, zwei eigenen Bearbeitungen von Präludien, ursprünglich für Violoncello geschrieben, ein virtuoses »Kletterkunststück« das eine, von lieblicher Gesanglichkeit das andere.

Nach der Pause bekam die Staatskapelle gleich noch einmal Gelegenheit, Farben, Atmosphären und Stimmungen zu weben. Jean Sibelius‘ »Lemminkäinen-Suite« Opus 22 gleicht einem poetischen Bilderbuch, das Lemminkäinens Leben erzählt, seinen Tod und seine Wiederauferstehung. Diesem Panorama haftet ebenso etwas Gläsernes an – nordische Bilder, ob in den Farben der Malerei oder der Musik, enthalten die Attribute der Weite, der Ferne, ein Schimmern und das Leuchten von Nordlichtern, doch auch die Melodiösität der alten Sagen.

All dies aus der Taufe zu heben, ohne drastische Kanten, überdeutliche Plastiken zu erschaffen, war eine Meisterleistung des Dirigenten (und gilt gleichermaßen für die beiden Werke vom Beginn des Programms). Die Staatskapelle ließ die vielen Lichte in verschiedenen Farben leuchten – nicht die Schattierung, das Changieren war wichtig, das Zwielicht, ein Meergrün, Tyrkis, Nordlichter…, oder? Zuweilen fühlte (ja, »fühlte«) man den Klang, als befinde man sich in einer Grotte oder Höhle, an deren Grund ein unterirdischer Fluß seinen Weg nimmt (»Der Schwan von Tuonela«), dann wieder erreichte Sibelius eine Üppigkeit in der Farbgebung, die an Tschaikowskys Ballettmusik erinnerte (ebendort).

Paavo Järvi betätigte sich als umsichtiger Koordinator. Nicht das Bündeln, Leiten und Auslösen war vordergründig, sondern das Erkennen dessen, was schon da ist. Ob vom Orchester oder vom Solisten – Järvi wußte das angebotene »Material« zu nutzen und ihm den richtigen Drall oder Impuls zu geben. Ganz ohne Drängen und Bestimmen – es war mehr, als würde er die Musik freilassen.

10. Juni 2018, Wolfram Quellmalz

Am 4. Juli wird im Rahmen des letzten Aufführungsabends in dieser Saison »Trisagion« für Streichorchester von Arvo Pärt aufgeführt.

Unten: die von Arvo Pärt signierte Hülle der legendären Schallplatte mit Gidon Kremer, darauf unter anderem »Fratres« und »Tabula Rasa« (EMI, 1984)

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