Gottfried von Einem »Der Besuch der alten Dame«

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Landesbühnen Sachsen (Radebeul)

Er galt als einer der letzten großen Komponisten – Gottfried von Einem (1918 bis 1996). Obwohl er bei den Salzburger Festspielen 1947 einen grandiosen Erfolg mit »Dantons Tod« feierte und weltberühmt wurde, gehört von Einem schon siebzig Jahre später nicht mehr zum Standardrepertoire. Aus den einschlägigen Opernführern ist er verschwunden, doch weiter gefaßte Bände wie Antonio Bertelés »L’opera: repertorio della lirica dal 1597« (Ausgabe 1977) oder András Battas »Opera- Komponisten – Werke – Interpreten« (1999) kennen ihn sehr wohl.

In diesem Jahr wäre Gottfried von Einem 100 Jahre alt geworden, was dem deutschsprachigen Theaterraum eine Handvoll Inszenierungen beschert – von einer »Renaissance« zu sprechen wäre allerdings voreilig. Immerhin standen im März und April in Wien sowohl »Der Besuch der alten Dame« (Theater an der Wien) als auch »Dantons Tod« (Staatsoper) auf dem Programm, im Januar bereits hatte das Theater Magdeburg mit »Dantons Tod« das Jubiläumsjahr eröffnet, und in München (Gärtnerplatztheater) wird das gleiche Stück im Oktober und November gespielt, die Salzburger Festspiele (ORF Radio-Symphonieorchester Wien) führen im August »Der Prozeß« konzertant auf. »Der Besuch der alten Dame« nach Friedrich Dürrenmatts gleichnamiger tragischer Komödie hatte am 26. Mai an den Landesbühnen in Radebeul Premiere.

DAS STÜCK

Klara Wäscher mußte Güllen einst verlassen. Das Mädchen war nach einer Liebschaft mit Alfred Ill schwanger, doch Ill ließ sie fallen – der junge Kaufmann strebte nach mehr und wollte in ein Spezereiwarengeschäft »einheiraten«, Klara war ihm im Wege. Ill ließ sie nicht nur fallen, sondern verleumdete sie sogar.

Fünfundvierzig Jahre später kehrt Klara als Claire Zachanassian, mittlerweile eine reiche Witwe, zurück. Der Ort ist verkommen, die Besucherin sorgt für Aufregung und Hoffnung. Diese scheint sich zu erfüllen – Claire Zachanassian verspricht der Stadt eine immense Summe. Dafür verlangt sie allerdings »Gerechtigkeit« – den Tod Ills.

Anfänglich abgelehnt, verfallen die Bürger schnell dem Ansinnen, lassen sich verführen. Das Perfide liegt weniger in dem, was sie tun als in dem, was sie nicht tun.

Die Bürger bedrängen den Kaufmann, wollen ihn zum Selbstmord überreden. Doch er weigert sich. Als Claire Zachanassian die versprochene »Gerechtigkeit« einfordert, verurteilen sie – per Bürgerabstimmung – Alfred Ill zum Tode.

DIE INSZENIERUNG

Düster, schwarz und verkommen, diesen Eindruck macht Güllen zu Beginn. Verwahrlost, am Rande zur Degeneration, nur einen Schritt vom Tod oder der Auflösung entfernt. Sebastian Welker (Inszenierung und Licht) setzt ganz auf die Beklemmung der Düsternis und die psychologische Wirkung der Figuren, welche durch von Einems suggestive, fast trostlose Musik beinahe unerträglich verstärkt wird. Ekkehard Klemm entwickelt mit dem Orchester einen musikalischen Sog, der immer wieder auch Episoden vom Blühen erzählt, von Hoffnung und Liebe, aber vor allem von Verrat, Falschheit und Verführbarkeit. Das Orchester sitzt hinter Christoph Gehres Bühnenbild halb verborgen im Bühnenhintergrund auf zwei (!) Etagen mit den Schlagzeugen oben.

Es gibt kaum Farben außer schwarz und grau – nur das Weiß der Brautkleider, die alle Frauen außer Claire Zachanassian tragen, sowie deren rote Haare sorgen für Kontraste – Reinheit und Degeneration liegen im Widerstreit. Doch es ist nicht die Reinheit, welche die Oberhand gewinnt. Nach und nach putzen sich die Bewohner heraus, schaffen sich neue Schuhe, neue Hemden an – auf Kredit, den ihnen die Aussicht auf das viele Geld zu gewähren scheint.

Nicht nur drückend und ausweglos scheint das Werk, sondern auch unentwirrbar. Im Heute erkennt man weniger den Täter von damals – er ist längst selbst Opfer geworden. Das fallengelassene Mädchen dagegen erregt kaum Mitleid, zu dominant tritt Claire Zachanassian als unbarmherzige Rächerin auf. Grotesk schon »Koby« und »Loby«, die sie einst durch ihre Falschaussagen diffamierten, und der (ehemalige) Richter, heute Butler der alten Dame. Claire Zachanassian hat sie nicht nur in ihre Gewalt gebracht und gerichtet, sie hat sie gedemütigt und zu ihren Werkzeugen gemacht. »Koby« und »Loby« sind geblendet und kastriert, ihrer Würde beraubt – Christoph Gehre hat ihnen Lederkostüme mit Kopfhauben aus dem Sadomaso-Regal verpaßt.

DIE AUFFÜHRUNG

Es ist eine »fühlbare« Inszenierung. Trotz des hinten sitzenden Orchesters gibt es keine Distance zum Publikum. Die Elblandphilharmonie entfacht Kraft und Gewalt mühelos, weiß aber auch die unscheinbaren Farben von Hoffnung und Schmerz einzuflechten – man fühlt sich unmittelbar betroffen von dem, was da vorgeführt wird.

Erschreckend, wie aussichtslos der Weg Alfred Ills scheint, wie nichtig sein kleiner Sieg von damals – längst ist der Erfolg aufgezehrt. Paul Gukhoe Song zeigt dem Publikum einen verzweifelten, dem Wahnsinn nahen Ill, der sich dennoch aufbäumt, Widerstand leistet. Noch bringt er die Kraft auf, doch es scheint vorgezeichnet, daß er an den Folgen der Tat von damals zerbrechen wird. Nur ist für ihn die (Hin-)Richtung heute mit seinem Vergehen als junger Mann nicht mehr in Verbindung zu bringen. Es geht nicht um Gerechtigkeit – es geht um das versprochene Geld und ein Opfer, das man bringen muß. Paul Gukhoe Song macht dies eindringlich klar.

Unerbittlich spinnt Claire Zachanassian ihre Fäden, die – immer im Hintergrund – agiert, befiehlt, mit Worten peitscht. Stephanie Krone zeichnet die Figur kraftvoll, aber bar jeden Mitgefühls nach. Unbeugsam verfolgt sie – Zahn um Zahn – ihr Ziel und läßt die moralische Frage von Schuld, Mitschuld völlig unbeachtet. Verlogenheit und Roheit kennzeichnen die ganze Gesellschaft, selbst Bürgermeister (am 3. Juni: Dan Chamandy), Pfarrer (Hagen Erkrath) und Polizist (Michael König) sind keine »ehrbaren Bürger«, erst recht keine Vorbilder. Sie sind beschmutzt, verführ- und manipulierbar wie alle anderen auch! Meisterlich auch der Chor, der immer wieder in Massenszenen ein ganzes Städtebild (wenn nicht Gesellschaftsbild) widerspiegelt.

Von Einems Musik ist zuweilen berauschend, entbehrt aber auch nicht den Witz, wenn sie zum Beispiel angesichts der Trunkenheit zu schwanken und abzugleiten scheint. Gerade im dritten Akt dann ergeben sich sehr individuelle und berührende Bilder.

Was wollte man sagen über solche Geschehnisse, wie wollte man hier richten? Fast scheint es, Dürrenmatt hätte in der moralischen Ausweglosigkeit, dem unaufklärbaren Knäul von Verantwortung, Selbstbestimmung und gesellschaftlicher Schuld, einen Ausweg im Spiegel der Komödie gefunden, als Warnung, damit nicht geschieht, was nicht mehr gutgemacht werden könnte. Aussichtslos?

Sebastian Welker greift das Paradoxon, daß man manche katastrophalen Ereignisse nur mit einem Gewaltakt (wie dem Tyrannenmord) verhindern könnte, dies aber nicht möglich ist, weil niemand die Zukunft und eine Untat gewiß vorhersagen kann und eine moralische Hypothese keine Handlungsbefugnis zuläßt, in einer Rahmenhandlung auf. Er beginnt und endet am Ursprung der Geschichte, mit dem jungen Paar Alfred und Klara und einer Vision Alfreds über die Zukunft. Die Konsequenz daraus ist grausam und birgt keine (Er)lösung…

4. Juni 2018, Wolfram Quellmalz

Noch einmal in dieser Spielzeit im Spielplan am 10. Juni (Sonntag, 15:00 Uhr)

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