Zwischen Klassik und Romantik

Sonaten für Violine und Klavier mit Renaud Capuçon und Guillaume Bellon

Clara Schumann wird im kommenden Jahr ein Jubiläum feiern – nicht der einzige Grund, ihrem Werk (wie dem anderer Komponistinnen) mehr Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Betrachtet man zum Beispiel die ausgewählten Programme der Pianistin Ragna Schirmer, darf man sich für 2019 wohl auf einige Entdeckungen freuen.

Einige Werke sind jedoch heute schon im Kanon der Aufnahmen und Konzerte angekommen, wie Clara Schumanns »Drei Romanzen für Klavier und Violine« Opus 22. Salonmusik im besten Sinne und kein Grund, über den »Salon« die Nase zu rümpfen. Die Pianistin hat hier die Stimmen ihres Instrumentes und der Violine auf unterschiedliche Weise und mit unterschiedlicher Dichte verschlungen, im Konzert im Palais im Großen Garten erblühten die drei Stücke zart, empfindsam und mit Feinsinn. Was nicht heißt, daß es Clara Schumann an Impetus gefehlt hätte – den entwickelten Renaud Capuçon und Guillaume Bellon durchaus. In wechselnden Rollen schweiften sie durch Märchenbilder und vereinigten sich schließlich im liedhaften Duett des letzten. Den Schlußakkord setzten die beiden Musiker ohne betonten Bogenschwung, aufgesetztes Lächeln oder andere Manierismen – es dürfte in Clara Schumanns Sinne gewesen sein.

Was Renaud Capuçon und Guillaume Bellon jedoch bewogen haben mag, nicht von der Bühne abzugehen, den Applaus so abzukürzen und nach kurzer Pause weiterzuspielen, blieb unklar. Vor Ludwig van Beethovens Sonate c-Moll Opus 30 Nr. 2 wäre eine kleine Zäsur angebracht gewesen, zu verschieden sind die Werke in Form und Charakter. Beethovens Schatten wirkte unnötig betont gegenüber den zärtlichen Romanzen. Was sich nun offenbarte, war eine feine Verästelung der Strukturen, ein komplexes, gedanklich-musikalisches Gerüst, das schließlich in ein eruptives Finale des ersten Satzes mündete. Verhalten folgte das Adagio, über das vorwitzige Scherzo fanden Renaud Capuçon und Guillaume Bellon zu einem gelösten Presto.

Den großen (gewichtigen) Werken begegneten die beiden Musiker mit Bedachtheit, ersparten ihnen ein Überladensein, das sollte sich auch in der A-Dur-Sonate César Francks zeigen, doch wirkte dies manchmal routiniert (allerdings gekonnt). Als störend beklagten vor allem die Zuhörer in den vorderen Reihen die Lautstärke des Pianos – offenbar hatte man von einem der vorherigen Konzerte den Flügel ohne Resonanzboden belassen (! – Martin Stadtfeld hatte dies für sein Konzert wohl so gewünscht), was dazu führte, daß der Flügel die Bässe zuweilen polternd vor die Füße der vorne sitzenden Besucher »warf«.

Den überlegten, durchdachten Ansatz behielten Renaud Capuçon und Guillaume Bellon bei, zunächst in Claude Debussys Sonate g-Moll. Fast gläsern wirkte die Violine hier, mitunter bändigte Renaud Capuçon das impressionistische Flirren mit ein wenig Härte und hob die Strukturen hervor – durchaus reizvoll. So ließ sich auch eine Nähe Debussys zu seinen barocken Vorbildern erkennen wie Rameaus »La poule« im zweiten Satz.

Mit César Francks großer Sonate ging der Abend in einem mitreißenden Allegretto poco mosso zu Ende – fast. Zu zwei Zugaben (Massenet / »Meditation« und Kreisler / »Liebesfreud«) waren die beiden Musiker anschließend noch gebeten.

5. Juni 2018, Wolfram Quellmalz

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s