Hector Berlioz »La Damnation de Faust«

Sophie Koch, Bryn Terfel und das Malmö SymfoniOrkester verzücken Dresdner Festspielpublikum

DAS STÜCK

Ausgelöst durch Goethes Dichtung erfuhr der »Faust«-Stoff im Europa des 18. Jahrhunderts eine ungeheure Popularität, im 19. kam es zu einer romantischen Überhöhung des Stoffes. Auch auf italienischen und französischen Bühnen gab es Theater-, Ballett- und Opernfassungen. Charles Gounod stützte sich für »Faust / Margarete« auf die Übersetzung Jules-Paul Barbiers und Michel-Florentin Carrés, Hector Berlioz hatte sich von der Übertragung Gérard de Nerval begeistern lassen. Beide gingen mit dem Text der Dichtung frei um und entfernten sich so von Goethe, einerseits aus theatralischen Gründen in bezug auf die Wirkung des Musiktheaters, andererseits wegen der damit verbundenen Figurenzeichnung.

Berlioz plante eine Grand opéra, man kann annehmen, daß sie ihm sogar eher konzertant als szenisch vorschwebte. Im Gegensatz zum gedichteten Werk erzählt er den Stoff nicht durchweg vollständig und chronologisch, sondern beschwört in vier Teilen prägende Faust-Bilder. Dabei kommen zwar Original-Goethe-Passagen wie der »König von Thule« vor, den der Einleitung zugrundeliegenden »Osterspaziergang« dagegen findet man nur im Übertragenen Sinn vor (was für überraschende Momente sorgt, wenn man die deutsche Rückübersetzung liest).

DIE AUFFÜHRUNG

Am 1. Juni fand im Rahmen der Dresdner Musikfestspiele eine konzertante Aufführung des Werkes mit dem Malmö SymfoniOrkester unter der Leitung von Marc Soustrot in der Semperoper statt. Die Solopartien waren mit Sophie Koch (Mezzosopran / Marguerite), Paul Groves (Tenor / Faust), Sir Bryn Terfel (Bassbariton / Méphistophélés) und Edwin Crossley-Mercer (Bariton / Brandeur) besetzt.

So »konzertant« war es am Ende gar nicht, denn gerade Bryn Terfel, der schon anläßlich seines Liederabends im vergangenen Jahr seine umwerfende Bühnenpräsenz entfaltet hatte, konnte mit einem Augenzwinkern, bösen Blick und (sitzend, seitlich zu Faust geneigt) Flüstern ein Funkenstieben entfachen – ein diabolischer Méphistophélés! Da war schon zu Beginn klar, daß er kein Spiel spielte, an dem er Spaß hatte (wie bei Goethe) – genaugenommen war Faust am Anfang schon verloren. Vielleicht lag es an diesem Ungleichgewicht, daß sich Paul Groves sichtlich mühen mußte, vor allem in der Höhe, und gegen die beiden Kollegen deutlich abfiel. Sophie Koch jedenfalls verbreitete den Margareten-Zauber so mühelos wie wundersam schimmernd und betörend sinnlich.

Edwin Crossley-Mercer war als Brandeur ein gediegener Partner, ebenso wie der MDR Rundfunkchor, der ein anfängliches Manko (wegen eines Unwetters war er verspätet angekommen und erst im letzten Teil vollzählig vertreten) wahrhaft spielend ausglich. Und doch hingen alle Ohren irgendwie an diesem gefährlich-charmanten Bryn Terfel, der ironisch, boshaft und höhnisch seine Neckereien von sich gab, brillant in der Artikulation und schlicht umwerfend im Ausdruck…

Marc Soustrot sorgte für eine »entzündliche« Atmosphäre, die jedoch nicht nach Schwefel und Ziegenfuß roch, sondern einen üppigen Farbenrausch hervorbrachte. Nur räumlich-akustisch war es gewöhnungsbedürftig, denn die Bläser klangen deutlich durch die Streicher verdeckt von hinten, die Sitzordnung (Celli und Bässe rechts) bekam in den Teilen drei und vier eine höhere Bedeutung, denn nun saßen die Solisten so vor dem Orchester, wie die Stimmen angeordnet waren (also Faust / Margarete / Violinen links, Méphistophélés / Bässe rechts). Schön vor allem die tieferen Streicher mit einer gold-samtigen Violagruppe (der Berlioz eine wesentliche Orchesterfarbe zugeordnet hat – die Stimmführerin wurde von Marc Soustrot folgerichtig für ihr schönes Spiel gelobt). Immer wieder leuchtete und funkelte das Orchester, wenn es das Idyll am Beginn der Traumszene hervorbringt, das Menuett spielt oder den feurig-stürmischen Höllenritt antrat – was für ein Auftritt!

Da kannte der Jubel, nach fast drei Stunden kurz vor Mitternacht kaum Grenzen, stehend applaudierte das Publikum.

2. Juni 2018, Wolfram Quellmalz

Ja, erst Mitternacht war alles vorbei – ist es ausgleichende Ungerechtigkeit oder höheres Schicksal gewesen? Ein Gewitter hatte den Zugverkehr um die Landeshauptstadt stark eingeschränkt, so daß der Rezensent trotz komfortabler Planung zu spät gekommen wäre. Derweil: der Bus des Chores steckte im gleichen Wetter fest – Glück gehabt!

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