Das Rätsel der gestohlenen Stimmen

raetsel_ohp-59.jpgAngela Liebold (Mutter), Tania Lorenzo (Susi), Martin-Jan Nijhof (Vater), Thomas Förster (Erzähler), Photo: Sächsische Staatsoper, © Klaus Gigga

Kinderoper in Dresden uraufgeführt

»Mr. A’s Amazing Maze Plays« (»Mr. As erstaunlicher Irrgarten«) ist ein Theaterstück von Alan Ayckbourn, das sich seit 1988 großer Beliebtheit erfreut. Unter dem Titel »Das Rätsel der gestohlenen Stimmen« ist es seit 1991 auch auf deutschen Theaterbühnen zu erleben. Im Stück geht es um einen (bösen) Herrn A, der nicht nur seine Ruhe haben will, sondern Menschen, Tieren und Gegenständen (oder Situationen) die Stimmen (bzw. Geräusche) stiehlt. Das Mädchen Susi kommt ihm jedoch auf die Schliche und entlarvt Herrn A.

Die Stimme, wichtigstes Element einer Oper, in einem Theaterstück – ist das nicht ein Stoff, der geradezu danach verlangt, selbst Oper zu werden? So dachte wohl die Sächsische Staatsoper und gab dem Komponisten Johannes Wulff-Woesten einen Auftrag für die musikalische Umsetzung. Am 13. Mai feierte das Werk seine Uraufführung auf Semper Zwei in Dresden.

DAS STÜCK

Susi lebt mit ihrer Mutter unter recht einfachen Verhältnissen in einem kleinen Haus, einer Waffelbäckerei. Ihr Vater wird vermißt, seit er an einer Ballonfahrt, einem Wettrennen, teilgenommen hat. Ein Hund, Otto, ist Susi jedoch ein guter Spielkamerad und Gefährte – Einsamkeit kennt Susi nicht. Beide spielen gerne im verwilderten Garten der leerstehenden Villa nebenan. Jedoch eines Tages zieht dort wieder jemand ein: Herr Akustikus. Abweisend und griesgrämig muß er vor allem Kindern scheinen, er will seine Ruhe haben! Doch es zeigt sich, daß Herr Akustikus nicht auf Ruhe und das Zurückgezogen sein beschränkt ist – er ist unterwegs, sammelt, stiehlt – Stimmen! – und hat auch ein gewisses Interesse an Susis Mutter.

Eine wichtige Figur ist Herr Pichler, der von sich behauptet, ein ehemaliger Opernsänger und früher berühmt gewesen zu sein. Aber ob das stimmt? Darüber hinaus gibt es weitere Geschöpfe wie die Katzen der Umgebung und einen Erzähler, der die Szenen verbindet.

Gemeinsam mit Otto findet Susi heraus, daß Herr Akustikus die Stimmen gestohlen und in seinem unheimlichen Haus versteckt hat, wo es verwinkelte Geheimgänge, Falltüren und unermeßliche Kellergewölbe gibt. Sie lassen die Stimmen frei und bringen sie den »Besitzern« zurück. Merke: Wer eine Stimme hat, etwas zu sagen, kann auch den Übeltäter anzeigen.

Und Susis Vater? Das… verraten wir nicht!

INSZENIERUNG UND MUSIK

Johannes Wulff-Woesten hat zu dem Libretto von Manfred Weiß eine wunderbare Musik komponiert, welche nicht einfach Untermalung für gesungenen Text ist, sondern Personen und Situationen illustriert, ausmalt und belebt. In einer gekonnten Melange verbinden sich so die Welten von Erwachsenen und Kindern, Oper und Jazz, werden aber auch Geräusche imitiert. Abgesehen vom musikalischen Reiz zählt dabei – schließlich richtet sich das Werk vor allem an Kinder ab sechs Jahren – daß die Texte nicht verdeckt werden und gut verständlich sind.

Die Inszenierung von Tom Quaas setzt vor allem auf die Wirkung von Wort und Musik sowie eine enge Verzahnung mit der Ausstattung (Tilo Schiemenz). Das Bühnenbild ist variabel und durch Umstellungen und andere Dekore oder Verkleidungen leicht veränderbar. Dies vollzieht sich bei offener oder nur abgedunkelter Bühne, wobei die »Katzen« mithelfen, und sitzt handwerklich, das heißt es kommt zu keinen Pausen oder einem Spannungsabfall, ebensowenig zu wuseligem Durcheinander, selbst dann nicht, wenn abseits des hauptsächlichen Geschehens etwas passiert und sich zum Beispiel das Bild des Vaters im Wohnzimmer als höchst lebendig erweist. Dafür entstehen bunte und schwarz-weiße Welten, die Realität, Comic und style noir verbinden.

DIE AUFFÜHRUNG

Die Aufführung am 20. Mai (die bereits fünfte seit der Premiere) konnte neben der gelungenen Inszenierung auch mit unverhohlener Spielfreude überzeugen – ein wichtiger Punkt, sitzt man auf »Semper Zwei«, einer Studiobühne, doch den Sängern und Musikern direkt gegenüber. Mit Tania Lorenzo vom Jungen Ensemble der Semperoper (stimmlich erstklassig) und Mathias Schlung (der den Nachmittag in einem Kostüm verbrachte) als Otto konnte man in den etwa eineinhalb Stunden mitbangen und Daumen drücken. Ergötzlich Barry Coleman als Herr Pichler, bei dem jedes Kind schnell merkte, daß er ganz gerne erzählt und man ihm vielleicht nicht jedes Wort glauben sollte. Während Herr Pichler in einem witzigen grün-weißen Kostüm auftritt, erscheint der böse Herr Akustikus (Hagen Matzeit) – die dunkle Gestalt – in düsterem schwarz-weiß. Den Trug des Scheins hat Johannes Wulff-Woesten der Figur auf besondere Weise in die Stimme gelegt: Während Herr Akustikus die anderen umgarnt und umschmeichelt, um ihnen ihre Stimmen abzujagen, singt er mit dem Strahlen des Countertenors. Doch wenn er böse zischt und schimpft, rutscht er hinab bis auf den Bariton seiner Bruststimme.

Und wem dies noch nicht genügte, sich einfangen zu lassen, der durfte mitentscheiden, welchen Weg Susi und Otto durch das Labyrinth des Hauses nahmen: rechte Tür oder linke? Treppe oder Schacht? Oper interaktiv sozusagen…

Musikalisch »daneben« war das Orchester – aber nur räumlich. Denn anders als im großen Haus gibt es hier keinen Graben, so daß die Musiker, in diesem Fall Mitglieder der Giuseppe-Sinopoli-Akademie der Sächsischen Staatskapelle, auf der Bühne seitlich spielten. Und auch sie wurden mit einbezogen, denn selbst die Trompete verlor vorübergehend ihre Stimme.

Fazit: eine gute Idee gut und kindgerecht umgesetzt – die nächsten Vorstellungen gibt es im Oktober und November.

Mai 2018, Wolfram Quellmalz

 

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