Ein Familienkonzert, aber keine »Hausmusik«

Mischa Maisky mit seinen Kindern im Kulturpalast

Wenn der Vater mit den Kindern… – da hätte man meinen können, daß es sehr vertraut, aber etwas lockerer zugeht. »Locker« sah wohl keiner der drei das Konzert, aber im musikalischen Umgang miteinander zeigten sich Mischa Maisky und seine Kinder Lily und Sascha am Dienstagabend aufs engste verbunden, wobei der Cellist (k)ein wenig im Vordergrund stand.

Auf zwei Komponisten hatte sich Mischa Maisky konzentriert: Sergei Rachmaninow und Dmitri Schostakowitsch. Doch wer hier einen »russischen« Abend erwartete, wurde ob der sich eröffnenden Vielfalt überrascht. Zwischen Salon und Drama changierte das Programm, enthielt spätere Meister- wie Jugendwerke. So das einleitende »Trio élégiaque« von Sergei Rachmaninow. Beinahe wäre uns das erst nach dem Tod des Komponisten veröffentlichte Werk gar nicht bekannt – ein Verlust, zeigten die Maiskys in ihrem innigen Spiel. »Salonhaft« konnte man hier nur mit den besten Attributen ausstatten: elegant, schwärmerisch, farbenreich – Mischa Maisky fand zu wunderbaren Dialogen mit seinen Kindern. Vater und Sohn ließen die Singstimme zwischen ihren Instrumenten wechseln, während die Tochter in verschiedene Rollen schlüpfte, Motive einflocht, begleitete, belebte, erfrischte.

Auch Dmitri Schostakowitschs Sonate für Violoncello und Klavier d-Moll Opus 40 ist ein früher Wurf, der Impulsivität eines Genies entsprungen. Klar und frei, ungezwungen und bar jeder Repression scheint es, Schostakowitsch hat ihm einen großen melodischen Bogen eingeschrieben. Mischa Maisky spannte diesen auf, und zwar derart kantabel, daß man nach den Worten der betreffenden Liedzeilen suchen wollte – Vater und Tochter sorgten für ein kammermusikalisches Schweben im großen Konzertsaal. Dann übergaben sich beide die Töne des Themas, schienen einander zu umschleichen wie ein Liebespaar, das sich neckt – oder wie Vater und Tochter, die einander imitieren. Doch auch Schostakowitschs Subtilität, das scheinbar Unscheinbare, drang an die Oberfläche. So schien das Largo gleichermaßen melancholisch wie unentschieden – steht es für Abschied oder eine inhärente Bedrohung?

Mit drei Stücken Sergei Rachmaninows, teilweise Bearbeitungen für Violoncello von Mischa Maisky selbst, ging es nach der Pause zurück in den Salon. Erneut überwog das melodische das virtuose Moment. Jubilierend erhob sich die »Mélodie« aus den »Morceaux de fantaisie« in die Höhe, in der »Élégie« aus dem gleichen Werk betonte das Cello noch den singenden Charakter. An Intimität ging hier nichts verloren, als spielten die Musiker nicht auf einer großen Bühne, sondern zwischen Palmen und Fauteuils in der Kammer.

Schostakowitschs folgendes e-Moll-Trio (Opus 67) war im Vergleich ein sinfonisches Drama. Sinfonisch auch in seiner Verschränkung von Fröhlichkeit und Schicksal, burleskem Humor und beängstigenden Schatten. Das Largo begann Lily Maisky mit beinahe schmerzvollen Akkorden, für Beruhigung sorgte hier die sonore Stimme des Violoncellos, doch im Finale steigerte sich das Drama reihum mit schier endloser, dennoch fein abgestufter Intensität, die sich plötzlich in einem offenen Ende ganz sanft entlud und noch im Saal zu glitzern schien, als stürmischer Applaus losbrach.

Was läßt man an so einem Abend noch als Zugabe folgen? Das entspannende, wiegende Nachtlied eines Meisters – Ludwig van Beethovens Adagio con espressione aus dem »Gassenhauertrio«.

16. Mai 2018, Wolfram Quellmalz

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