Härtetest

Multiperkussionist Martin Grubinger bei der Philharmonie

Obwohl Martin Grubinger bisher (noch) keine Residenz in Dresden hatte, kehrt er doch nahezu jährlich hierhin zurück. Am Wochenende gemeinsam mit Michael Sanderling und der Dresdner Philharmonie nach einer Gastspielreise durch Deutschland und die Niederlande. Das Programm stellten sie zum Abschluß im Kulturpalast vor.

Vor der Pause gab es einen (ganz) großen Auftritt Martin Grubingers in Kalevi Ahos »Sieidi«. Das Wort aus der Sprache der Samen läßt sich mit »heiliger Ort« oder »heiliger Berg« übersetzen, wobei Grubinger meinte, daß das auch ein Hügel sein könnte – es käme auf den Maßstab an. Für den Alpenländer war der Berg definitiv nicht zu hoch, denn das virtuos-sportliche Spiel beherrschte er zur Sonntagsmatinée perfekt.

Ahos Werk ist eine Art Weltmusik, in welcher der Komponist den Solisten zwischen den Instrumenten und Kontinenten wandeln läßt. Von afrikanischen (mit der Hand gespielten) und europäischen (mit Schlegeln) Trommeln wechselt er (nun mit Schlegeln) zum lateinamerikanischen Marimbaphon, zum Vibraphon und zu asiatischen Klanghölzern, dann werden manche Instrumente auch einmal mit dem Bogen angestrichen. Verblüffend war die (melodische) Farbpalette dieser Instrumente, die Härtegrade von Holz und Trommel fielen nicht weniger frappierend aus. »Sieidi« beginnt mit einem Intro (Solo Grubinger) und Schlägen, erst dann setzte das Orchester ein. Dort saßen noch drei Schlagzeuger, die Widerhall gaben, mit Pauken und Kastagnetten von beiden Seiten und Echoeffekten an den Stimmungen woben.

Wie Martin Grubinger als Performancekünstler beeindruckte, tat es das Orchester nicht weniger, das einmal für Schwebung sorgte, für stimmungsvollen Hintergrund oder für grelle Reflexe. Dennoch ließ sich nicht verbergen, daß das lange Werk bei seiner Wanderung durch die Welt ein wenig mäandert. Im letzten Drittel, spätestens, wenn »Regenmacher« (Rieselrohre) einsetzen, wirkt das esoterisch leichtverdaulich wie ein Paolo-Coelho-Roman.

Doch lebte das Stück von der Qualität der Aufführung, von ausgeprägter Impulsivität und Rhythmik, aber auch von ausgewählten Ruhepunkten. Die »Wanderung« durch die Instrumente (und Kontinente) führte wieder zurück zum Ausgangspunkt, doch ohne Schlag diesmal, sondern leise verhallend. Grubinger ließ dem noch ein fetziges »Übungsstück« folgen – ein Tanz auf der Trommel.

Nach der Pause folgte Beethovens vierte Sinfonie. Mittlerweile hat sie ihr »Stiefmütterchendasein« zwischen der dritten und fünften eingebüßt, wird kaum weniger beachtet und wird mit oder ohne Gesamtzyklus aufgeführt. Nach der Aufregung zuvor sorgte der Wohlklang zu Beginn für einen neuen Kontrast, doch verloren solche Vergleiche nach wenigen Takten an Bedeutung – die Sinfonie sprach für sich. Wohl fiel auf, daß auch hier die Pauken für Aufruhr sorgten, für einen positiven.

Michael Sanderling gab der Sinfonie viel Freiraum, sie war insgesamt wie eine Hinwendung zum Leben, zum Licht. Ein erfrischender Sturm im Allegro vivace, ein Adagio mit fast pastoralem Charme, ein wenig Nachhall nach den Sätzen. Das Menuetto schien seine Flügel auszubreiten und sich aufzuschwingen – irgendwie war das ältere Werk dann doch das frischere.

29. April 2018, Wolfram Quellmalz

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