Tosca und der Teufel

Puccinis Meisterwerk in Dresden wiederaufgenommen

In den vergangenen Jahren gehörte zur Residenz der Sächsischen Staatskapelle bei den Salzburger Osterfestspielen immer eine neue Opernproduktion, welche im Rahmen einer Kooperation anschließend nach Dresden übernommen wurde. In diesem Jahr wich man von dieser Praxis allerdings ab. In Salzburg gab es eine neue »Tosca« von Michael Sturminger, an der Semperoper blieb es bei der Inszenierung von Johannes Schaaf aus dem Jahr 2009. Immerhin holte man einen Teil der Salzburger Besetzung an die Elbe: neben Christian Thielemann, der für die musikalische Leitung verantwortlich zeichnete, waren Mario Cavaradossi (Aleksandrs Antoņenko) und Polizeichef Scarpia (Ludovic Tézier) geblieben, statt Anja Harteros kam Adrianne Pieczonka wieder einmal nach Dresden.

Letztlich kann man mit der Entscheidung, die alte Inszenierung beizubehalten, zufrieden sein. Michael Sturminger hat in Salzburg zwar von Renate Martin und Andreas Donhauser ein schönes Bühnenbild mit einer dem realen Palazzo Farnese nachgebildeten Einrichtung bauen lassen, doch sein Ansatz, die in Ort und Zeit (auf den Tag genau!) festgesetzte Handlung ins Rom von heute zu verlegen und die Mafia und Kindersoldaten auf die Bühne zu bringen, ist strittig und konnte nicht wirklich überzeugen. Auf der anderen Seite sollte Theater (Oper) immer ein Ort der Auseinandersetzung und des Diskurses sein. Überalterte Inszenierungen können dem entgegenstehen, vor allem, wenn man ihnen deutlich die »gute alte Zeit« anmerkt. Doch davon kann in diesem Fall keine Rede sein, so frisch wehte »Tosca« am vergangenen Sonntag durchs Opernhaus.

Der Zeitpunkt schien perfekt: zwar war kein Vollmond, wie es Tosca singt (»È luna piena«), aber die duftenden Blüten von Flieder und Bäumen waren eben erwacht (»e il notturno effluvio floreal«) – das »vom Blütenduft berauschte Herz« war deutlich fühlbar. Im Verliebt sein und im kämpferischen Freiheitswillen Cavaradossis, in der Eifersucht Toscas, in der Gier Scarpias. Das Trio Pieczonka – Antoņenko – Tézier ließ die Gefühle auflodern, züngeln, zünden – so greifbar, lebendig, hingebungsvoll, boshaft ist das selten zu erleben! Ludovic Tézier, der in Salzburg den Baron noch subtil, fies, überlegen kühl gespielt hatte, schien wie verwandelt – was für ein teuflischer Scarpia war das! Da paßte das rote Kostüm nur zu gut – drei Mäntel und Röcke legt er ab, steigert dabei die Wut und den Zorn Toscas, bevor er in Hemd und Weste vor ihr steht, darauf wartet, daß sie sich ergibt.

Adrianne Pieczonkas Tosca war allerdings kaum weniger gierig – »ihren« Cavaradossi will sie nicht teilen, und wenn sie das kleinste Zeichen für eine Untreue zu erkennen vermag, fragt und piesackt sie, ras – leider auch sehr unbedacht, so wird sie zum Spielball Scarpias.

Grandios Aleksandrs Antoņenko als Mario Cavaradossi, der Tosca zwar hingegeben ist, aber eben doch nicht nur – die Marchesa Attavanti, welche die Kirche besucht, hat es ihm, dem Maler, angetan. Sie wird zum Inbegriff eines Madonnenbildes. Mario ist tiefbewegt, hin und hergerissen, und beflügelt allein schon von der Möglichkeit, daß sich seine Sehnsucht erfüllt. Später dann, wenn die Nachricht, daß Napoleon bei Marengo gewonnen habe, gerade während seines Verhöres eintrifft, höhnt und spottet er über die Königstreuen und beschwört beeindruckend emphatisch den »Sieg«.

Es sind diese Farben und Emotionen, die durch den Saal wabern, bis in die letzten Reihen und oberen Emporen ergreifen – wie das Orchester diesen Klang formt, feinsinnig webt und betont, ist einfach fabelhaft! Christian Thielemann trägt dabei nicht dick auf, sondern zeichnet nach, mit Eleganz, betont – wie wunderbar, all diese Stimmen zu klar herauszuhören. Das betrifft das Orchester, ist aber vor allem auch sängerfeundlich (man versteht jedes Wort) und wunderschön!

Und auch die kleineren Rollen sind ausgezeichnet besetzt, wie der Mesner (Matteo Peirone), der gläubig und obrigkeitshörig bis zur Kleinmütigkeit ist. Der ganze Abend ist emotional geprägt – hier passiert etwas, was die Beteiligten bewegt bis hin zum fabelhaften Chor (Jörn Hinnerk Andresen), der summend mit dem Orchester verschmilzt und bei Bedarf (bzw. Anlaß) beeindruckend anschwellen kann.

23. April 2018, Wolfram Quellmalz

Giacomo Puccini »Tosca«, Sächsische Staatsoper, Inszenierung: Johannes Schaaf, Musikalische Leitung: Christian Thielemann, mit Adrianne Pieczonka, Aleksandrs Antoņenko, Ludovic Tézier, Martin-Jan Nijhof u. a., in dieser Spielzeit noch einmal am 26. und 29. April sowie am 3. Mai

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