Annäherung an Schubert

Mitsuko Uchida im großen Klavierabend im Gewandhaus zu Leipzig

Franz Schubert gehört zu den wichtigsten Komponisten der Vergangenheit und damit zur Gegenwart der gelebten klassischen Musik, auch wenn er vielleicht erst nach Bach, Mozart und Beethoven »gesehen« wird. Sein sinfonisches Schaffen, seine Lieder und Streichquartette, die Ouvertüren stehen regelmäßig in den Konzertplänen. Dennoch beschränkt sich die Auswahl manchmal auf einen bestimmten Ausschnitt der Werke. So erklingen zwar die letzten (drei) Klaviersonaten oft im Konzert, manchmal noch eine einzelne frühere, aber daß sich ein Pianist, eine Pianistin, dezidiert dem Klavierschaffen Schuberts zuwendet, findet man eher auf Schallplatten (Wilhelm Kempff und Alfred Brendel haben hier wegweisende Aufnahmen eingespielt) wieder als an einem Klavierabend.

Mitsuko Uchida folgte dem Ansinnen, Schubert zu ergründen, am Montag im Gewandhaus zu Leipzig. Auf ihrem Programm standen drei zwischen 1817 und 1825 geschriebene Werke: die Sonaten H-Dur (D575), a-Moll (D 845) und D-Dur (D 850). Und hier konnte man den Wiener Klassiker durchaus neu hören, befreit von einer romantischen Attitude, die Schubert zwar zusteht, sein Werk aber keineswegs derart durchdringt, wie man es zuweilen hört. Mitsuko Uchida war weit davon entfernt, weich und geschmeidig zu romantisieren, sondern belebte im Gegenteil die Werke durch farb- und facettenreiche Kontraste. Und das stimmig, denn dieser Belebung, so schroff, harsch, schicksalhaft sie manchmal schien, wohnte eine ganze Sehnsucht, ein Hinwenden, ein Lebenswille inne. Die Melodie war da nicht zwangsläufig vordergründig wie beim Lied, sondern verlor sich auch in Verästelungen oder versteckte sich gar in den Themen.

Da erwies sich – seltener Glücksfall – das im Programmheft abgedruckte Zitat Carl Spitters als bemerkenswert zutreffend. Der Dichter hatte schon vor über einhundert Jahren die Scharfkantigkeit der Schubert’schen Sonaten, deren Lust und Behagen festgestellt. Genau dieses war im Gewandhaus zu erleben, ganz ohne einen historisierenden Mantel umgeworfen bekommen zu haben. Im Gegenteil präsentierte sich Mitsuko Uchida als reflektierte Kennerin, die sich mit Schuberts Notentext, seinem Schaffen, Sein (und Leiden) auseinandergesetzt hat. Und das führte zu einer frappierenden Offenlegung sowohl struktureller Elemente wie einer vertieften, vielschichtigen, emotionalen Ausdeutung. Schubert erkennen, konnte man meinen, so frei war der Vortrag von aufgesetzter Ambition oder Sendbotschaft, aber vor allem auch von Kraft und Lebenswillen – wie schön, den Komponisten wieder einmal von melancholischen Klischees befreit zu erleben!!!

Das Spiel mit dem Spiel war schon in der H-Dur-Sonate befreit von jeglichem Zwang, legte aber den jugendlich mutwilligen Schubert frei bis hin zu einem lebendigen Glöckchenläuten im Ma non troppo. Mit Kontrasten schärfte die japanische Pianistin ebenso das Andante, wie sie das Trio im Allegretto fließend einband. Beherzt klang die Sonate aus – der impulsive Schlußakkord als Bekräftigung der ganzen Sonate in ihrer Form und Fassung.

Die Schärfe und Intensität fand sich nicht weniger in den Sonaten a-Moll und D-Dur wieder. Die japanische Pianistin wahrte hier nicht nur die Form der Form halber, sondern auch das Maß, die Angemessenheit, die Aussage – so kam immer wieder ein melodiöser Kern zum Vorschein, ganz ohne »Schmelz« oder Wehmut.

Geradezu beschwingt gab sich die letzte Sonate nach der Pause, voller Tatkraft und Lebensmut erschien Schubert, wegweisend und kerngesund, ein findiger Sucher. Uchida folgte ihm nach, ganz seinem Ansinnen verpflichtet – eben eine der Grand Dames ihrer Zunft.

Und was folgt daraus (oder darauf)? Grigory Sokolov, den man am 4. November wieder an gleicher Stelle erleben kann, begnügt sich gerne mit nicht weniger als sechs Zugaben. Doch die Konsequenz kann man auch anders auslegen: mit dem Schlußakkord des Allegro moderato war alles gesagt. Uchida bedankte sich demutsvoll beim Publikum, bei Schubert und dem Flügel, aber das mußte genügen, drei große Sonaten hatten alles gesagt – recht so, ganz ohne falschen Anstrich!

17. April 2018, Wolfram Quellmalz

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