(Kein) »Flickwerk eines Wahnsinnigen«

Aris-Quartett zu Gast in Dresden

Die Konzertreihe Meisterwerke-Meisterinterpreten machte am Wochenende ihrem Namen wieder alle Ehre: eingeladen war das Aris-Quartett. Auch wenn die Musiker noch jung sind, kann man sie kaum noch als »Meister von morgen« ankündigen – sie haben heute schon dieses Niveau. Einen Schub bekamen die Vier sicherlich durch die Teilnahme am ARD Musikwettbewerb 2016, wo sie gleich fünf Preise erringen konnten – in der Publikumsgunst lagen sie da schon ganz vorn. (Mit einem ersten und dem Publikumspreis hatte Bratschist Caspar Vinzens übrigens bereits 2015 beim Szymon Goldberg Wettbewerb in Meißen auf sich aufmerksam gemacht.)

Die Publikumsgunst war dem Quartett auch gestern im Ballsaal des Hotels »Königshof« in Dresden-Strehlen sicher. Im musikalischen Gepäck hatten Anna Katharina Wildermuth und Noémi Zipperling (Violinen), Caspar Vinzens sowie Lukas Sieber (Violoncello) drei Klassiker: Mozart, Schumann und Beethoven. Darüber war das Publikum natürlich erfreut, ein wenig schade nur, daß für moderne oder zeitgenössische Literatur kein Platz blieb, läßt sich diese doch erfahrungsgemäß gerade durch junge Musiker gut vermitteln.

Daß sie die alten Meister beherrschen, machte das Aris-Quartett von Beginn unmißverständlich klar. Technisch perfekt präsentierten sie die drei Stücke und fanden darin einen eigenen Zugang, vor allem bei Schumann und Beethoven. Doch schon Wolfgang Amadé Mozarts »Jagdquartett« war mit reichem Kolorit belebt und fand im Adagio die Spannung der inneren Sammlung. So viel Energie hätte es da vielleicht gar nicht bedurft.

Noch deutlich emotionaler las das Quartett danach Robert Schumanns Opus 41 Nr. 1 in a-Moll. Schwärmerisch und mit kontrastreichen Modulationen und reichem Vibrato legten sie den prägenden Charakter schon in der Einleitung offen, eine »Ansage«, welche die Streicher auch umsetzten. Punktiert, mit pochenden Motivschlägen woben sie die Struktur des Notentextes zu einem Ganzen, einem Miteinander, betonten im Scherzo den rhythmischen Puls, überraschten aber auch mit dem Pizzicato – da klang das Cello im Adagio ein wenig nach Mandoline.

Wie dies noch steigern? Mit Ludwig van Beethoven, und auch nicht irgendeinem, sondern dem zweiten der drei Rasumowsky-Quartette (e-Moll). »Flickwerk eines Wahnsinnigen« sollen es die Zeitgenossen (nicht die Kritiker, möchte ich betonen!) genannt haben, so weit ging es über seine Zeit hinaus. Schon mit dem Ineinander des ersten Akkordes skizzierte das Aris-Quartett eine bannende Stimmung, schritten die vier Musiker von da den motivischen Wandel aus. Voller Kontraste dann das Adagio (Molto!), mit großer Ruhe und Empfindsamkeit (Molto!) bis in die feinsten Notenfasern nachgezeichnet, dem sich ein liebliches Allegretto anschloß, daß sich immer beherzter bis zum Thème russe steigerte. Und doch blieb noch eine Steigerung offen: Presto für den Schluß, wo sich die Stimmen munter jagten, ohne an Präzision zu verlieren oder sich dem Überschwang hinzugeben.

Dies noch einmal zu steigern wäre wohl nicht möglich gewesen, aber mit dem Vivace ma non troppo aus Antonín Dvořáks »Amerikanischem Quartett« setzten sie dennoch einmal nach: aus vier mach eins… Nach dem frühlingshaften Sturm von Mozart und Beethoven gab es einen kleinen Ausblick auf die kommende Sommerglut – ja, sie kommt sicher!

26. März 2018, Wolfram Quellmalz

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