Bitte weniger reden!

Tonkünstlerverein der Sächsischen Staatskapelle gestaltet 2. Aufführungsabend mit Musik aus dem 20. Jahrhundert

Matthus, Schostakowitsch und Schreker – manche meinen, solche Werke würden innerhalb anderer Stücke nur erduldet, doch die Staatskapelle bzw. ihr Publikum bewies, wie groß die Neugier darauf ist: am Donnerstagabend waren die Plätze in der Semperoper bis in den vierten Rang besetzt. Vielleicht erinnerten sich auch noch viele an die Uraufführung von Siegfried Matthus‘ »Der Wald« in Dresden vor über dreißig Jahren? Dann war die Vorfreude auf die Wiederaufführung sicher groß, die anderen dürften überrascht gewesen sein – das Konzert für Pauken und Orchester von 1984 kommt lautmalerisch, luzide und leicht daher. Vor allem beeindruckten die Kapellmusiker an diesem Abend unter der Leitung von Dmitri Jurowski mit einer feingliedrigen Gestaltung – Matthus hat einzelne Stimmen auf alle Instrumente verteilt, doch blieb Dmitri Jurowski weit entfernt von einem übermäßigen Klangrausch. Jede Violinstimme, jeder Bläserton konnte sich entfalten.

Das Stück beginnt mit einem langsamen Erwachen, vom Orchester intoniert, in dem zunächst die Harfe mit einem markanten Zweitonmotiv auftritt – später, in der »Abenddämmerung« sozusagen, wird dieses »Wippen« wiederkehren. Zunächst bildet das Orchester so eine polyglotte Einheit, zu der die Pauke etwas ankündigt. In der ersten Kadenz (zwischen den Sätzen) vollbrachte Solist Manuel Westermann eine virtuose Darbietung, bei der sich Bewegung und Klang kaum trennen ließen. Einerseits, wenn man ihn bei seinem Spiel beobachtete, andererseits, wegen der ausgeprägten melodisch-rhythmischen Folge, die man sich fast zwingend als (Schleier-?)Tanz vorstellen konnte. Im zweiten Satz dann darf die Pauke auch einmal innehalten, während die Kontrabässe »schreiten«. Die Kadenz vor dem Schlußsatz kündigt dann deklamatorisch an, ruft auf, bevor wieder Ruhe einzukehren scheint im Wald. Berückend klar und vielgestaltig war dieses Konzert, ein willkommener (vom Publikum angenommener) und lohnender Rückblick in die Musikgeschichte der DDR.

Kaum weniger staunen mochte man im zweiten Stück, einem Adagio und Zwischenspiel aus Dmitri Schostakowitschs Oper »Lady Macbeth von Mzensk«. Der Dirigent selbst hatte zwei Arien daraus, die Arie der Katerina Ismailowa und jene des »Schäbigen« für eine kleine Orchesterbesetzung bearbeitet. Klarinette, Oboe und Flöte übernahmen hier vor allem die Singstimme Katerinas – ein Klagegesang ohne Worte, ein wehmütiger Walzer, aber auch mit dem drohenden Vibrieren unheilverkündender Streicher, so einfühlsam klang diese »Arie ohne Worte«. Kaum weniger effektreich dann die Ausrufe und Anzeigen des Betrunkenen. Mit grell aufspielenden Violinen und blitzenden Blechbläsern zerriß das feine Gespinst Katerinas. Wie so oft komponierte Schostakowitsch eine entlarvende Musik, als zöge er die Masken weg und zeigte die grotesken Fratzen, die sich dahinter verbargen.

Nur eines störte sehr – die viel zu vielen (vor jedem Stück!) und viel zu langen Einleitungen von Dmitri Jurowski. Solch lange Reden schaden dem Konzert und gehören nicht in den Saal. Einzelne, kleine Anmerkungen können für eine Vermittlung durchaus hilfreich sein, aber Werkerklärungen sollten dem Programmheft oder dem Einführungsvortrag vorbehalten sein!

Mit Franz Schrekers Kammersinfonie für 23 Soloinstrumente behielt der Abend seine feingliedrige und auch emotionale Ausdeutung. Denn mit Schreker vollführte die Kapelle eine Metamorphose, die sehnsuchtsvoll begann, sich schwelgerisch und klarsichtig wandelte und mit zauberhaften Harmonien das Ohr streichelte, bevor sie weit(schweifig) romantisierte und schließlich gelöst loszulassen schien – famoses zwanzigstes Jahrhundert!

9. März 2018, Wolfram Quellmalz

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