Grand Piano

Martha Argerich und Lilya Zilberstein im Dresdner Kulturpalast

»Kommt sie wirklich?« hatte sich manch einer gefragt – »die Argerich« zu erleben verspricht in der Tat etwas besonderes. Aber die Erfahrung, die Jahreszeit und die Grippewelle ließen bangen, ob sie tatsächlich käme – sie kam. Und nur wenige Plätze im Kulturpalast blieben – nun tatsächlich grippebedingt – frei.

Dabei ist es unfair, ihre Klavierpartnerin Lilya Zilberstein so nachgerückt zu erwähnen, denn beide Pianistinnen traten nicht nur ebenbürtig, sondern als Einheit auf, als seien sie eine vierarmige Virtuosin, die aus einem musikalischen Zentrum heraus operiert. Dafür hatten die Argentinierin und die Russin aber auch ein passendes Programm zusammengestellt: keine Klavierduos von Onslow, Tanejew oder Schubert etwa, sondern kontrapunktische und rhapsodische Werke, die nicht vom Gegenüber der Stimmen ausgehen, sondern der Synthese.

Robert Schumanns sechs Stücke in kanonischer Form Opus 56 fristeten lange Zeit ihr Dasein am Rande des Repertoires. Das Instrument – ein Pedalflügel – war nicht nur aus der Mode gekommen, er hatte sich schlicht gar nicht erst durchgesetzt. Doch seit einiger Zeit hört man sie wieder öfter. Piotr Anderszewski hat eine wunderbare Aufnahme (zweihändig) eingespielt, Kreuzorganist Holger Gehring Auszüge für die Einweihung der neuen Palastorgel im vergangenen Jahr ausgewählt, und nun erklang an gleicher Stelle die Bearbeitung für zwei Klaviere von Claude Debussy – fabelhaft! Martha Argerich und Lilya Zilberstein waren vom ersten Punkt, der ersten Note, dicht beisammen, ließen den Klang der beiden Instrumente zu einem zusammenfließen – man konnte kaum unterscheiden, daß es zwei Flügel waren, so sehr klang dies wie einer. Beglückend war es zu erleben, wie beide Pianistinnen an Stimmungen und Charakteren woben. Die dritte der »Studien« färbte Zilberstein schwermütig, bevor es von der anderen Seite (Argerich) behend und fröhlich klang. In der fünften gewann in der Bearbeitung die kontrapunktische Vielschichtigkeit, und nicht nur hier zeigte sich die ungeheure Präzision dieses »Klangtieres« Argerich-Zilberstein. Was aber besonders begeisterte war, daß dieses Vermögen nie vordergründig wurde, sondern immer dem Ausdruck diente. Und der konnte ebenso mitreißen, wie er pointiert erfrischte.

Franz Liszts »Concerto pathétique« – noch so ein Stück, das man selten hört, vermittelte ein ganz anderes Bild. Rhapsodisch und sinfonisch zugleich, vermeinte man mit Goethe durch Arkadien zu wandern. Einen besonderen Reiz hatte das Spiel der beiden Pianistinnen, wenn die eine einmal schwieg und die andere auf das eben verklungene zu reflektieren schien. Noch so ein Argerich-Zilberstein-Zauber: wo andere Klavierduos schnell »donnern«, verlieren diese beiden Damen niemals ihre Zartheit. Lilya Zilberstein ließ Wasser im Mondschein wogen (wobei ihre Bässe etwas schwer fielen), Martha Argerich sponn Gedanken aus. Keineswegs waren dabei die Temperamente auf die Personen bezogen. Statt dessen woben beide gemeinsam an musikalischen Ornamenten, also Strukturen, in denen sich Inhalt und Verzierung gegenseitig verschränken.

Sergej Rachmaninows Sinfonische Tänze Opus 45 beschlossen das offizielle Programm. Ein kurzer Blick manchmal schien mehr Bestätigung als Verständigung oder Absprache zu sein. Und bis zur letzten Note behielten die Pianistinnen Sinn für silbrigen Klang, für zartes Schimmern – die vielbeschworene »Tastenlöwin« kann eben auch ganz fein!

Als feinstes Zuckergespinnst präsentierten die beiden als erste Zugabe Tschaikowskis »Tanz der Zuckerfee«. Mit diesem schwebenden Stück konnte natürlich noch nicht Schluß sein, und so rauschte Darius Milhauds »Brasiliera« noch hinterdrein – Bravo!

2. März 20018, Wolfram Quellmalz

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