Christian Thielemanns neuer Mahler

Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle kehrt mit der 3. Sinfonie zurück*

Es war eine Rückkehr zu Gustav Mahler, nachdem in den letzten Jahren Anton Bruckner für Christian Thielemann ein Dreh- und Angelpunkt gewesen war. Er könne sich nicht Mahler und Bruckner widmen, so hatte Thielemann noch 2012 in seinem Buch »Mein Leben mit Wagner« erklärt (und sich auf Bruckner konzentriert). In den vergangenen Jahren hatte die Staatskapelle Mahler meist mit Myung-Whun Chung aufgeführt, doch nun, 2018, hat sich etwas geändert. Nach einer »Auszeit« kehrte der Chefdirigent mit der d-Moll-Sinfonie zurück und ist besser denn je.

Das war überhaupt das prägendste: wie Thielemann band und führte, den Klang der Kapelle amalgamierte, für Ausgewogenheit der Streicher sorgte, während die Blechbläser dem Erwachen schon zu Beginn einen Marsch spielten – zu keiner Zeit überwogen hier einzelne Instrumentengruppen, Soli oder Motive. Es war ein Gesamtklang, den Thielemann formte und wachsen ließ. Mit kleinen Gesten kann er dies, Fingerzeigen, und läßt die Kapelle tun, was sie kann – man muß ihr nicht alles vorschreiben. Was so entstand, waren einhundert spannungsreiche Minuten, ein Bogen, der ungebrochen anhielt – dafür gab es am Ende großen Jubel.

Es war stets das Ganze, daß seine Kraft aus den Gegensätzen und dem Miteinander schöpfte, so schuf die Kapelle Spannungspunkte gerade in den leisen, verhaltenen Stellen, wenn die Pauke mit gedämpften Schlegeln zu verharren schien, um nach solchen Ruhepunkten den Aufbruch noch konkreter zu gestalten. Während Trompeten und Posaunen golden zu glühen schienen, woben die Streicher feinsten Silberklang – zuviel der Spannung für die Konzertmeistervioline der zweiten Geigen – da mußte Harald Grohs am Ende des Satze flugs eine gerissene Saite ersetzen.

Strömend, leicht, fließend, frei war dieser Klang. Nach dem ersten Satz von elementarer Kraft brach Mahler das Werk, das fortan zunehmend liedhafte Züge bekam. Christian Thielemann lotete schon im zweiten aus, was im vierten und fünften, wenn die Gesangsstimmen wirklich einsetzten, folgen sollte. Zuvor jedoch erwachte im dritten eine Fröhlichkeit, die zunächst federnd, wippend schien, dann aber bis zur Berstgrenze gedehnt wurde.

Diese instrumentale Überwältigung prägte die Sinfonie, Elīna Garanča, die Damen des Staatsopernchores (Jörn Hinnerk Andresen) sowie der Kinderchor der Semperoper (Claudia Sebastian-Bertsch) konnten dem nicht ganz mit gleicher Macht begegnen, auch wenn die lettische Mezzosopranistin gerade den Beginn »O Mensch!« mit warmem, einfühlsamen Ton formulierte. Besonderen Charme zog ihr Part aus der Herbheit der Stimme, melancholisch tragend.

Im Abschluß und Schlußwort fand Christian Thielemann bereits zarte Wehmut – in der Erfüllung liegt schon ein Rückblick, eine Abkehr und ein Abschied, das wurde hier unmißverständlich klar. Und doch vermied die Staatskapelle eine Betonung auf apotheotischen Schlußpunkten, sondern ließ die feinen, lieblichen Gespinste ausklingen, als seien es Versprechen für einen (weiteren) Neuanfang.

27. Februar 2018, Wolfram Quellmalz

*zur Aufführung am 26. Februar

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