Ivana Jeissing »Wintersonnen«

Vom Suchen, Finden und Loslassen

Der Winter wird – leider! – häufig die »schlechte« oder »dunkle« Jahreszeit genannt. Die Neuen (musikalischen) Blätter lieben ihn aber und halten die oben genannten Einschätzungen für unhaltbar! Immerhin beginnt der Winter mit dem schönsten unserer Feste, findet auf Bällen und am Kamin statt (wo man Charles Dickens lesen kann – bei Charles Dickens gibt es schon in kühlen Augustnächten heißen Punsch!), so daß man die grauen, regnerischen Tage leicht mit Farben, Gerüchen und Wohlgeräuschen, also Musik, ausfüllen kann. Wobei ein richtiger Winter auch Schnee und Frost bieten sollte, dann verbinden sich Helle und Frische – gibt es ein schöneres Licht als jenes über einer verschneiten Winterlandschaft?

Als uns der Buchtitel »Wintersonnen« in die Hände fiel – Heft 27 war nahezu fertig – da wollten wir dies natürlich gerne noch in unsere Liste der Buchrezensionen aufnehmen, was wir hiermit nachholen:

metwintersonnen-1

Die Heldin liebt die Wintersonne wohl auch. Nur hat sie zuletzt wenig Sonne in ihrer Seele verspürt: die Mutter, die ihr immer verschwieg, wer ihr Vater ist, hat ihr Leben bestimmt, hat es überbestimmt, überbeeinflußt. Und als aus dem Mädchen eine junge Frau geworden ist, die einen Traum verwirklicht zu haben scheint – Schauspielerin am Burgtheater und eine eigene Wohnung ganz in der Nähe, wird die Mutter krank, dement. Die Zuwendung und Pflege bedeuten eine lange Zeit ohne Arbeit, und als die Mutter verstorben ist – die Schauspielerin ist gerade Mitte dreißig und noch lange nicht alt – sind dennoch manche Chancen verstrichen, gelingt ihr der Wiedereinstieg nicht.

LESEPROBE

Seit meiner Kindheit begleitete mich die Sehnsucht, dass mich und meine Mutter etwas verbinden müsse, das über die Ähnlichkeit unseres Nasenrückens hinausging. Und seit ich mich erinnern kann, begleitet mich auch die Suche nach dem, was Zuhause bedeuten könnte. Ein Ort, an dem ich mich immer nur zu Gast gefühlt habe. Ein Wort, in dem ich mich nie wohl gefühlt habe. Weil meine Mutter sich darin so bedingungslos ausgebreitet hat, dass kein Raum für mich blieb. Meine Mutter. Die immer über das für mich erträgliche Maß hinausging. Warum?

So bricht sie aus, flieht von Wien. In Berlin versucht die junge Frau, Fuß zu fassen, und gerät – auf Empfehlung – an einen Psychologen. Einen für Kinder und Jugendliche. Aber Donald Gliese ist genau der richtige: ein Exot, ein aus der Zeit gefallener und aus dem Leim gehender Mensch, der mit seiner Mutter in einer riesigen Villa lebt, abwechselnd Gabardine- oder Jogginganzüge trägt, Turn- oder Two-Tone-Schnürschuhe, und der Wundertüten liebt. Er erfüllt manche Klischees, die man von einem Psychiater haben kann, paßt aber wunderbar zur Heldin und zu diesem Buch.

Ich. Vierunddreißig Jahre alt. War spurlos ohne verschwunden zu sein. Und ich sehnte mich nach einem neuen Leben. In neuen Kleidern. Und es war der Film Der Himmel über Berlin, der mich auf die Idee brachte, in diese Stadt zu ziehen.

Um mein neues Leben zu finanzieren, verkaufte ich über eBay zuerst Mimis Möbel. Dann die Teppiche. Die Vasen. Das Geschirr. Und zuletzt die Gläser. Den Rest verkaufte ich an einen Trödler, der sogar die Fußmatte mitnahm. Ich behielt nur eine Kommode. Eines von Mimis Lieblingskleidern. Ihren goldenen Ring. In der Mitte ein länglicher Saphir. Rechts und links davon je ein kleiner runder Diamant. Sowie Fotoalben und Filmplakate.

Und so hilft Donald Gliese, wie auch Nello, der Gärtner, vor allem dadurch, daß er ein Begleiter ist. Beide geben einen Hintergrund, vor dem sich die Heldin entfalten kann wie auf einer Bühne. Sie verliert sich nicht in ihrer Suche und dem (von ihr so genannten) »Selbstbeileid«, sondern sie bricht auf, immer wieder, versucht herauszufinden, wer ihr Vater ist, pflanzt ein Labyrinth aus Kamelien…

Durch das dichte Grün drang der leise Klang eines Klavierkonzertes. Vermischte sich mit dem fernen, dumpfen Lärm Berlins. Und begleitet vom Gesang unzähliger Vögel, legte ich mich ins Gras und sah zu, wie Puck aufgeregt schnüffelte. Vermutlich war er einem Eichhörnchen auf der Spur, das er auf dem Nussbaum vermutete. Neben ihm lagen einige geöffnete Schalen im millimetergenau gemähten Rasen, der nicht überall so akkurat gepflegt war, und die an manchen Stellen kniehohen Blumenwiesen erinnerten mich an meine Kindheit. Und als ich versuchte, mit geschlossenen Augen in den unzähligen Bilderbruchstücken ein klares Bild zu erkennen, erzeugte der Flügelschlag eines Schmetterlings, der ganz nahe an meinem Gesicht vorbeitanzte, einen unbeschreiblich zarten Windhauch.

Die Schauspielerin beginnt neu, immer wieder, stürzt, fällt, und lernt allmählich, daß man nur dann einen neuen Lebensabschnitt anfangen kann, wenn man anderes losgelassen hat und daß es Dinge gibt, von denen man sich nicht zu lösen vermag. Aber nicht alles kann man auf die »Prägung« schieben…

Der Leser begleitet die junge Frau durch Berlin, bei Tag und in der Nacht, aber auch bei der immerwährenden Suche nach ihrem Vater. Diese Suche und die Beantwortung der Frage nach der Herkunft, dem Ursprung, bleiben dominierend. Schließlich wird sich nicht alles fügen – manches gar nicht, anderes nicht so, wie erhofft oder erwartet, aber eines fügt sich doch, trotz aller losen Fäden und Fransen – ein Leben.

Ivana Jeissing »Wintersonnen«, Roman, Metrolit, 234 Seiten, gebunden, Schutzumschlag, 22,- €, auch als e-Book (16,99 €)

Der Metrolit Verlag mußte seinen Betrieb 2015 einstellen, die Bücher sind aber weiter über die Gruppe des Aufbau-Verlages erhältlich.

 

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s