Neapolitanische Konzerte

Seinen zehnten Geburtstag begeht das Ensemble La Ritirata mit seiner zehnten Aufnahme beim spanischen Label Glossa und Werken, die in den Neapolitanischen Konservatorien entstanden sind. Die Sammlung von 1725 gehört heute zur Bibliothek San Pietro a Majella und hält wohl noch zahlreiche Schätze bereit – die Aufarbeitung der Musikalien hat eben erst begonnen.

Glossa

Neapolitan Concertos lautet der Titel, doch läßt sich dieser Begriff weit fassen, denn Sonata, Concerti, Sinfonie und schließlich auch Opera waren damals in Form und Ausdrucksmitteln noch nicht so weit voneinander entfernt. Davon zeugt schon die einleitende Sinfonia C-Dur für Violoncello, Violinen und Basso continuo – das Werk könnte ebenso als Cellokonzert bestehen. Ensembleleiter und ‑gründer Josetxu Obregón tritt hier als Solist auf. Leicht gaumig und warm klingt sein mit Darmsaiten bespanntes Instrument schon in den ersten Takten – unverkennbar »Alte Musik« – und verwöhnt das Ohr mit Farbenreichtum und immer neuen Affekten. So ist der Celloton nicht nur sinnlich durchglüht, das Werk trägt bereits äußerst galante Züge.

Mit immer neuen kleinen Überraschungen warten die Stücke auf, die – anders als die durch Vivaldi geprägten venezianischen Stücke – in der Satzfolge noch der Kirchensonate (langsam – schnell – langsam – schnell) entsprechen. Abwechslung gibt es aber auch durch die Solisten: neben zwei Cellokonzerten gibt es ebenfalls zwei für Blockflöte und je eines für Violine bzw. Cembalo, wobei keine gleichen Soloinstrumente in der Titelfolge nacheinander angeordnet sind.

Das Cembalokonzert ist übrigens eines für gleich zwei Tasteninstrumente und schon deshalb höchst interessant, weil es von keinem geringeren als Giovanni Battista Pergolesi stammt, der uns überwiegend mit Vokalmusik und Kirchenwerken (allen voran sein Stabat Mater) bekannt ist – die Aufnahme bietet also manche Repertoirebereicherung. In Pergolesis Concerto erinnern Ignacio Prego und Daniel Oyarzabal an Orgelwerke, während die Cembali im abschließenden, flotten Allegro die Feinheit und flinke Leichtigkeit einer Spieluhr entwickeln.

Nicht nur in den Soloinstrumenten, auch im Orchester bzw. der Begleitung wechseln sich die Musiker ab. Dabei kann der interessierte Zuhörer die genaue Besetzung jeweils im Programmheft nachlesen.

Reizvoll sind immer wieder die musikalischen Ideen und deren instrumentale Auslebung, aber nicht weniger die Stimmungen, die erzeugt werden. So klingt Nicola Fiorenzas Concerto in D für Violoncello, zwei Violinen und Basso continuo äußerst poetisch und entwickelt im Adagio die Bildkraft einer Märchenoper, bevor das Stück vom lebhaften Puls neu angefacht wird. Tamar Lalo wiederum lockt mit dem süßen Flötenklang Francesco Mancinis und beweist, daß in einer Fuge Luftigkeit die Struktur überwiegen kann, während er im Adagio Alessandro Scarlattis Concerto in C seinen Atem mit gesanglicher Qualität verströmen läßt.

Und selbst im letzten Stück überraschen La Ritirata noch einmal, denn Nicola Fiorenza hat ein Konzert für Violine, und Streicher geschrieben, wie man es aus Venedig kennt – als wäre es Antonio Vivaldi zugedacht: in klassischen drei Sätzen (deutlich länger) werden die Themen hier verarbeitet und zeugen mit ihrem virtuosen »Vogelgesang« davon, daß die damaligen Orchester und Konservatorien über hervorragende Solisten verfügt haben müssen.

Februar 2018, Wolfram Quellmalz

Neapolitan Concerto for various Instruments, La Ritirata, Leitung: Josetxu Obregón, Glossa, im Vertrieb bei Note 1 music

Ende März ist Josetxu Obregón bei den Thüringer Bachtagen in Meiningen (30.) und Ohrdruf (31.) mit einem Programm »Von Bologna nach Köthen« zu erleben. Dann spielt er Werke von Johann Sebastian Bach, Domenico Gabrielli, Francesco Paolo Supriano, Giovanni Battista Vitali und Giuseppe Maria Clemente Dall‘Abaco.

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