Lehrer und Schüler im Konzert

»Dresdner Abend« der Philharmonie mit britischen Komponisten

Zu einer »Reise nach England, solange die Grenzen noch so durchlässig sind«, lud Wolfgang Hentrich die Zuhörer am Mittwoch im Großen Saal des Hygienemuseums ein. Eine Reise, die allemal lohnt, denn die musikalische Geschichte des Landes erweist sich bei näherer Betrachtung als beachtenswert und reichhaltig. Mit Benjamin Britten gehörte einer der berühmtesten Vertreter überhaupt zum Programm – Britten hat in Dresden durchaus ein Zuhause gefunden (soweit war die sonst oft historisch vertiefte Verbindung des »Dresdner Abends« diesmal etwas lockerer). Immerhin war Benjamin Britten 1955 anläßlich der Aufführung seiner Oper »Albert Herring« am Staatsschauspiel (Kleinen Haus) nach Dresden gekommen, 1967 begleitete er Peter Pears während eines Liederabend im Großes Haus am Klavier.

Brittens Werk kommt hierzulande, wenn zwar nicht oft, so doch regelmäßig zur Aufführung. Viel seltener findet sich aber der Name seines Lehrers Frank Bridge in den Programmplänen. Dabei hat er eine ganze Reihe von Orchester- und Kammermusikwerken hinterlassen, sich einerseits an modernen Vorbildern orientiert, aber ebenso Bezüge zur Tradition geschaffen. Ein Beispiel dafür ist seine Suite für Streicher e-Moll, welche die Philharmonie für den Abend ausgewählt hatte. Mit aufwärts gerichteten Figuren und häufig den hellen Stimmen im Unisono hat sie eine große Leichtigkeit, auch wenn ihr Celli und Kontrabässe deutliche Kontraste entgegensetzen. Unter Wolfgang Hentrich (Violine und Leitung) geriet das Stück jedoch nicht schwer, sondern behielt den leichten, tänzerischen Charakter – Suiten gehören zum Kernrepertoire des Philharmonischen Kammerorchesters. Und so offenbarten sich viele Schattierungen, wie der Gesang der drei Violen, die einen Ruhepunkt setzten, bevor die Violinen mit Dämpfern einen musikalischen Schleier aufzogen, hinter dem sich die eigentlich tieferen Streicher in die Höhe hoben, Bässe mit Pizzicati Akzente setzten. In der Klangsprache modern, formte Bridge ganz deutlich die Stimmungen der Sätze aus, auf ein schattiges Nocturne folgte ein mit Punktierungen belebtes Finale.

Frank Bridge war für Benjamin Britten der wohl prägendste Lehrer. Jedoch führen Wertschätzung und Verehrung nicht zwangsläufig zur Nachahmung – gerade hierin zeigt sich Meisterschaft, wenn auf der erlernten Basis neues entsteht. Zwar bezog auch Benjamin Britten sich auf die Tradition, fand darin jedoch ganz neue (An)klänge: »Lachrymae – Reflections on a Song of Dowland« sowie die »Variations of a Theme by Frank Bridge«.

»Lachrymae« greift Lieder John Dowlands auf, öffnete die Tür aber weit bis zum Jazz (besonders in der vom Komponisten selbst erstellten Orchesterfassung). Das Gesangsthema überschrieb Bridge jedoch der Viola, die Matan Gilitchensky, seit der vergangenen Spielzeit Solo-Bratschist der Philharmonie, am Mittwoch sehr gesanglich führte. In mehreren Teilen werden Liedthemen verarbeitet, wobei der Solist zunächst keine exponierte Stellung hat und eng mit den übrigen Musikern verwoben bleibt, welche ihm – wie im Liedgesang üblich – mit Grundierung oder Thema antworten. Im Finale schließlich steigerte sich die Viola – energico und mit Baßschlägen betont – in immer höhere Höhen, bevor John Dowland noch einmal original zitiert wurde.

Im dreizehn Jahre zuvor entstandenen Variationswerk zeigte das Philharmonische Kammerorchester Britten dann als Meister, der ein Thema seines Lehrers in immer neue Charakterfarben tauchte. Diese waren manchmal melancholisch, derb, salonreif charmant oder »vorwitzig altbacken«. Gerade den Witz dieser augenzwinkernd »historischen« Bezüge stellten die Musiker erfrischend heraus.

8. Februar 2018, Wolfram Quellmalz

Tip: Am 26. Juni werden zum 17. Dresdner Abend Werke Antonio Vivaldis und Johann Georg Pisendels von einer freundschaftlichen Musikbrücke zwischen Dresden und Venedig zeugen.

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