Bruckners Weltklang

Marek Janowski nähert sich mit der Philharmonie dem Gipfel der Neunten

Mit einem Urton scheint diese Sinfonie anzuheben, die Anton Bruckner nicht mehr vollenden konnte. Wie vielen ihrer Schwesterwerke haftet auch ihr etwas Erratisches, Archaisches an. Die Philharmonie fand am Wochenende unter Marek Janowskis Leitung im Kulturpalast zu einem wie flüssigen Klang, ließ diesen sanft heraufdämmern, formte ihn, als bestünde er aus Elementarzuständen, aus denen etwas zusammengefügt wird – eine ganze Welt eröffnete sich schon im Kopfsatz der Sinfonie. Ein Fließen und Leuchten prägte das Werk, das seine Kraft nicht in den Raum schleuderte, sondern immer zielgerichtet blieb, ein ewiges Schaffen, Werden und Umformen. Das flüssige, wandelbare Element herrschte die ersten Takte vor, bis Marek Janowski mit den aufwärts gerichteten Pizzicati einen ersten Spannungsakzent setzte – selbst die Generalpause war aufgeladen. Statt Blöcken gab es einen stetigen Wandel zu erleben, der sich bis zum letzten Takt des dritten Satzes vollzog.

Wie von wasserklaren Tropfen schien der Beginn des zweiten, bevor auch dieser Fluß zu mitreißender Stärke anschwoll, einem dichten Gefüge von Streichern und Bläsern. Die eingeschobene Trio-Episode behielt Bruckners Komplexität, kombinierte sie jedoch mit der Leichtigkeit einer Serenade.

Im Adagio schließlich kündeten larmoyante Violinen vom nächsten Aggregatzustand, doch wiederum formten und webten die übrigen Instrumentengruppen im Hinzutreten den Klang fort. Und auch wenn die Sinfonie immer wieder stille stand, wo Bruckner einen Ruhepunkt gesetzt hat, wahrte Janowski die Spannung und den stetigen Wandel. Diese Agilität im Detail verblüffte immer wieder und offenbarte, wohin sich das Werk entwickelt, das im dritten Satz noch mit kleinen Zäsuren (Oboe, Pause) aufwartet. Die Sinfonie verlosch nicht im Nichts, sondern im Erblühen. Ganz klar, daß da noch etwas kommen sollte, doch das Schlußwort war durch Bruckners zu frühen Tod vorenthalten worden.

Vorangegangen war dem ein nicht minder agiles Werk: Béla Bartóks drittes Klavierkonzert. Zwar weniger wandelnd, stellt der Komponist hier dennoch ganz unterschiedliche Teile gegenüber. Während er in den Ecksätzen Solist und Orchester meist sinfonisch verschmelzen läßt, wartet das Adagio religioso mit einem andächtigen Zwiegespräch zwischen Solist und Orchester auf.

Francesco Piemontesi fand immer wieder mit Duopartnern zu kammermusikalischer Intimität, die auch in einem Quartett der Flöten und Oboen hervortrat, und überzeugte mit kristallinem Klang, der selbst im Forte ohne metallische Härte blieb.

Mit Feinsinn spürte Marek Janowski dem sinfonischen Gehalt von Bartóks drittem Klavierkonzert nach, Francesco Piemontesi fügte eine frühlingshafte Helle hinzu, dicht gebunden in den süffigen Orchesterklang. Ob ihm die Möglichkeit, sich in Kadenzen virtuos »austoben« zu können, gefehlt hat? Mit Felix Mendelssohns Étude b-Moll Opus 104b als Zugabe holte er das flink nach.

14. Januar 2018, Wolfram Quellmalz

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