Vor dem Jubelfest

Collegium 1704 in der Dresdner Annenkirche

Mit ungewöhnlichem Instrumentarium war das Collegium 1704 am Montag nach dem 3. Advent in die Annenkirche angereist: nur zwei Violinen als »Singstimmen« des Orchesters, dafür aber eine reich ausgestattete Continuo-Gruppe – die wesentliche Stütze der Sänger –, die Farbschattierungen von Viola da Gamba, Dulzian, Harfe und anderem barg.

Ganz deutlich »ragten« gleich zu Beginn die Bläser mit alten Posaunen und Zinken heraus, und riefen in Giovanni Battista Buonamentes Sonate XXII à 6 ebenso Assoziationen an die »Piffari« (Hirten, welche an den Feiertagen in die Städte kamen und ihre Musik, Pastoralen oft, spielten) hervor wie an virtuose Concerti von Meistern wie des (nachfolgenden) Arcangelo Corelli. Venedig war eine der wichtigsten Musikstädte Italiens im 17. Jahrhundert, nicht nur Buonamente lebte hier, auch der eine Generation später geborene Massimiliano Neri sowie Claudio Monteverdi, wiederum der »Elterngeneration« Buonamentes zugehörig. Noch wichtiger als das Geburtsjahr und eine Zugehörigkeit ist jedoch der Wandel in der Musik, der sich in den Veröffentlichungen wiederfinden läßt. Die Stile wechseln nicht einfach beiläufig und beliebig nach einer Mode, sie zeugen von einem regen Austausch und einer großen Inspiration und zeigen im Gesamtwerk von Großmeistern wie Monteverdi (oder Heinrich Schütz) eine enorme Spannweite.

Das Collegium 1704 ließ zwischen verschiedenen Hymnen Claudio Monteverdis Sonaten von Giovanni Battista Buonamentes und Massimiliano Neri erklingen und entwickelte eine goldene Klangpracht, gleichermaßen im Consort– wie in Concerti-Stil. Und weil es instrumental meist Werke für kleine Besetzung waren, ließ Leiter Václav Luks »los«, wenn die Konzertmeisterin Helena Zemanová die wirklich erste Geige spielte und das Collegium anführte, wie in Massimiliano Neris Sonata.

Auch wenn Sopranistin Hana Blažiková leider kurzfristig erkrankt war, wurden ihre Soli doch mit Barbora Kabátková und Kamila Zbořilová (teilweise im »Ringtausch«) trefflich ersetzt. Überhaupt konnte man wieder feststellen: das Collegium Vocale 1704 setzt sich aus lauter Sängern zusammen, die ihrerseits Solisten sind (oder sein könnten) und eine sehr ausgeprägte Individualität haben. Dennoch gelingt es Václav Luks jedesmal, sie zu einem homogenen Ensemble oder Chor zu fügen, selbst dann, wenn sie im Stimmcharakter stärker voneinander abweichen. Auch – oder gerade – darin, im hohen Wert der Musikantität, liegt schlicht ein Faszinosum dieses Ensembles. Und die Qualität stimmt ebenfalls – was wollte man da noch sagen? Kann man »exzellent« denn steigern? Ein Musikfreund mit reicher Berufsmusikerfahrung brachte es im Anschluß auf den Punkt. »Bravissimi« rief er (vollkommen korrekt nicht nur im Plural des Superlativs, sondern ebenso im Zeitpunkt – nicht in den Nachklang des letzten Stückes gebrüllt).

Ein dezidiertes Weihnachtsprogramm war es diesmal nicht, einen festlichen Charakter hatte das Konzert gleichwohl. Die Wahl der Texte war auf Werke Claudio Monteverdis gefallen (darunter Dixit Dominus secondo à 8 voci Concertato, Confiteor primo à 3, zwei Laudate), die Hymnen, Psalmen und kontemplative Texte zum Inhalt hatten. Alle haben einen zugewandten, lichten und oft jubelnden Duktus, von den Sängerinnen und Sängern des Collegiums bewegend intoniert. Solistisch und im Wechsel (auch hinsichtlich der Chörigkeit) wurde die helle Jubelatmosphäre beinahe greifbar. Neben bekannten geschmeidigen Stimmen (Alt: Kamila Mazalová, Aneta Petrasová, Baß: Jaromir Nosek, Martin Schicketanz) fand Samir Bouadjadja (Tenor) zu einem Ton von berückender Schönheit.

Im Schönen schwelgen konnte man da leicht, doch ging die Kontemplation eben nicht so weit, sich einfach (undifferenziert) hinzugeben. Im Gegenteil war dieses Konzert wieder eine Einladung, Details nachzuspüren, zu beobachten, auf Texte und Repetitionen zu achten, oder auf die harmonische Symmetrie des Chores in Monteverdis Magnificat primo à 8.

19. Dezember 2017, Wolfram Quellmalz

Das ach so dunkle, kalte Winterhalbjahr hat auch einige Vorzüge. Zum Beispiel die relative Konzertdichte des Collegiums: am Neujahrstag schon kommen sie wieder. Dann erklingen Werke des »Patrons« Jan Dismas Zelenka, Johann Sebastian Bach sowie von Leonardo Leo.

http://www.collegium1704.com/de/programme-de/kalender/2014/eventdetail/632/152/ewiges-feuer

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