Trost und Hoffnung

Berührende Interpretation des Brahms-Requiems durch den Kreuzchor

Die Aufführung Johannes Brahms‘ Opus 45 im November gehört fest in den Terminkalender des Dresdner Kreuzchores und der Dresdner Philharmonie. In diesem Jahr sangen unter der Leitung des Kreuzkantors Roderich Kreile als Solisten Heidi Elisabeth Meier (Sopran) und der ehemalige Kruzianer Andreas Scheibner (Baß) sowie das Vocal Concert Dresden. Peter Kopp, der bis zum Spätsommer noch Chorleiter des Kreuzchores gewesen ist, hatte für die Einstudierung mit seinem Vocal Concert gesorgt – hoffentlich nicht zum letzten Mal, denn diese Zusammenarbeit war stets fruchtbar.

Das zeigte sich auch am gestrigen Sonntag wieder, als beide Chöre zu einem harmonischen Ganzen verschmolzen. Immer wieder aber trat der Kreuzchor spürbar hervor.

Brahms‘ Requiem ist keine dezidierte Abkündigungsmusik, sondern spendet Trost und gibt Hoffnung. Dazu hat der Komponist nicht nur entsprechende Bibelpassagen ausgewählt, sondern sie auch stimmungsvoll umgesetzt. Chor und Solisten gelang es treffend, diese Gefühle berührend wachzurufen. Unterstützt wurden sie ein weiteres Mal von der Dresdner Philharmonie, die nicht nur einfühlsamer Begleiter war, sondern mit leuchtenden Soli Nuancen herausstrich. Es ist ganz erstaunlich, wie schwer sich Brahms doch (eigenen Aussagen nach) mit dem Cello tat und ihm ein Solokonzert versagte – immer wieder läßt er es singend in den Vordergrund treten (wie ja auch im Klavierkonzert B-Dur). Die brillanten Bläser (vor allem Hörner, Oboen und Flöten) standen dem in nichts nach, allein diese Farbtupfer waren schon beglückend!

Manchmal liefen Chor und Orchester mächtig auf, wie am Beginn des zweiten Satzes (»Denn alles Fleisch, es ist wie Gras«), ohne jedoch laut zu werden. Das war um so wirkungsvoller, wenn Text und Musik in den folgenden Zeilen milder wurden (»…wie des Grases Blumen…«) – solch markante Kontraste belebten nicht nur, sie strebten immer wieder einem gedanklichen und geistigen Zentrum zu: Trost und Hoffnung.

Fabelhaft waren die beiden Solisten des Abends. Vor allem Andreas Scheibner gelang sein Part berückend, der vertiefte Zugang zu Werk und Chor war bei ihm deutlich zu spüren. Doch man muß nicht Kreuzchormitglied gewesen sein, um derart zu beeindrucken, das zeigte Heidi Elisabeth Meier. Auch wenn sie in der Verständlichkeit nicht ganz an den Kollegen heranreichte, überzeugte sie im Ausdruck um so mehr und wußte Bitte und Demut (Teil III) eindrucksvoll zu verbinden.

Hauptakteur blieben aber die beiden Chöre, die immer wieder beeindruckend hervortraten, in der Chorfuge (»Der gerechten Seelen«) ebenso wie im beeindruckenden sechsten Teil. Da blieben kaum Wünsche offen, höchstens solche, die mit dem »Rahmen« zusammenhingen. Denn natürlich wäre es schöner gewesen, das Requiem zum Totensonntag und nicht zum Volkstrauertag zu hören. Und es dürfte kaum jemand unter den Zuhörern gewesen sein, der nicht gewußt oder erkannt hätte, daß der Kreuzchor etwas Besonderes ist. Der Marketinghinweis im Programmheft (»Eine bewegende Erfahrung«) paßt vielleicht in eine Image-Broschüre, doch für Musikfreunde erscheint er unnötig belehrend.

20. November 2017, Wolfram Quellmalz

Das Vocal Concert Dresden gibt es gleich am kommenden Sonntag (Totensonntag) wieder zu erleben, dann mit Georg Friedrich Händels „»Messiah«.

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