Denk-würdiges Gedenkkonzert

Dresdner Kammerchor in der Annenkirche

Dem Gedenken an die Opfer der Pogromnacht vor 79 Jahren galt das Konzert des Dresdner Kammerchores am Freitagabend mit dem Titel »Trauer und Trost«. In zweierlei Hinsicht ging das Projekt über eine normale Aufführung hinaus: einerseits galt der Abend speziell der Lyrikerin Nelly Sachs, die mit vertonten und gelesenen Texten im Mittelpunkt stand, andererseits engagiert sich der Kammerchor seit einigen Jahren in Chorpatenschaften und betreut in diesem Schuljahr den Jugendchor des Romain-Roland-Gymnasiums. Die Schülerinnen und Schüler gestalteten eine Konzerteinführung, unter anderem mit dem Lied »Erev schel schoschanim« (»Abend der Lilien«) von Josef Hadar.

Der 2001 verstorbene Herman Berlinski wiederum hatte 1992 eine fruchtbare Zusammenarbeit mit dem Dresdner Kammerchor begonnen. Zwei seiner Werke standen deshalb auf dem Programm: Mit »Miyi ten roshi mayim« nach einem biblischen Text begann der Abend, mit dem »Amen« aus »Etz Chayrim – Der Baum des Lebens« beschlossen ihn Kammerchor und Jugendchor gemeinsam. Die Gedanken von Nelly Sachs erklangen in Vertonungen von Felicitas Kukuck, die auch einen Text Paul Celans, einem engen Freund der Dichterin, verarbeitet hatte, sowie Isang Yuns. Gespiegelt wurden die modernen Werke am Officium defunctorum des spanischen Renaissancekomponisten Tomás Luis de Victoria, einer Art Requiem, dessen Teile sich mit den anderen Stücken und gelesenen Texten abwechselten.

Nelli (eigentlich Leonie) Sachs wollte ursprünglich Tänzerin werden. Berühmt wurde sie jedoch durch ihre Texte, für die sie 1966 mit dem Literaturnobelpreis geehrt wurde. Ein Jahr zuvor hatte sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten. Ein Erinnern ergab sich unmittelbar aus dem Erzählen der Erlebnisse oder später entstandenen, reflektierenden Texten, gesprochen von der Weimarer Schauspielerin Ute Wieckhorst oder gesungen vom Dresdner Kammerchor. Zwar war das Gedenken immanent, doch verloren sich weder Worte noch Musik in Klage – Trauer und Trost blieben tief darin verankert.

Nicht anders als wunderbar muß man die Stimmen des Kammerchors nennen, bewundern (Leitung: Hans Christoph Rademann, Einstudierung: Olaf Katzer), die sich homogen mischten oder deutlich abhoben, kreuzten. Immer fanden sie ein harmonische Zentrum, und selbst dann, wenn die Musik grellere Klangfarben aufgriff, wie in »Der Herr ist mein Hirte«, in dem Isang Yun den Text aus Psalm 23 mit Nelli Sachs »Chor der Tröster« verband, wurden sie nicht unangenehm schneidend.

Worte, aus Briefen und Tagebüchern Nelli Sachs‘, des Verlegers Max Tau über die Dichterin, ein Ausschnitt aus der Rede zur Verleihung des Friedenspreises sowie Nelli Sachs‘ »Gebete an den toten Bräutigam«, waren die Boten, welche Trauer und Trost aussprachen, die Sätze aus Victorias Komposition dienten dazwischen als Kontemplationspunkte. Der Trost spiegelte sich nicht zuletzt im Zitat »Ich glaube an die Liebe« wider. Daß der Kammerchor sein Publikum erreichte, zeigte die vollkommene Stille der Gedenkminute.

11. November 2017, Wolfram Quellmalz

Das Konzert wird am 27. Januar noch einmal im Jüdischen Museum Berlin aufgeführt.

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