Lichtreflexe

Klavierabend mit Leif Ove Andsnes im Gewandhaus

Am Mittwochabend eröffnete das Gewandhaus zu Leipzig den Reigen der großen Klavierabende in dieser Spielzeit mit dem Pianisten Leif Ove Andsnes. Gerade hat der Norweger seine neue CD mit Klavierwerken Jean Sibelius vorgestellt, mit Sibelius begann er auch sein Programm. Eine Auswahl von fünf Stücken aus verschiedenen Opus‘ entführten die Zuhörer in eine skandinavische Welt, die viel Bezug zu volkstümlichem hat, mal deutlich und tänzerisch, mal schimmernd und gesanglich. Leif Ove Andsnes fügte ganz unterschiedliche Stücke: »Björken« (Birken) aus den »Cinq morceaux« Opus 75, ein Impromptu (aus den Bagatellen Opus 97), das zweite Rondino aus Opus 68 sowie »Der Hirt« und »Romanze« aus den Klavierstücken Opus 58 bzw. 24 zu einem stimmigen Ganzen.

Schon dieser Einstieg mit für viele wohl bisher unbekannter Musik gelang lichtklar, voller Reflexe und Kontraste. Leif Ove Andsnes schuf Bilder luzider Klanglichkeit, fragiler Schattierungen, aber auch klangsinnlicher Rhythmik. Wasserklar schien das »Rondino«, als würde ein eiskaltes Bächlein über granitene Steine rinnen, während die »Romanze« die Innigkeit eines Liedes hatte. Andsnes streichelte die Tasten, erweckte das Bächlein ebenso zum Leben wie die mitreißende Flut.

Und die nächste Überraschung folgte auf dem Fuß: Jörg Widmanns »Idyll & Abgrund«. Widmann ist einer der klügsten, besten und interessantesten Komponisten unserer Tage, geradezu spektakulär, und man kann den Leipzigern zu dem Coup, ihn für diese Saison als Gewandhauskomponisten verpflichtet zu haben, nur gratulieren. Die sechs Klavierstücke sind geniale kleine Schubertreminiszenzen, in denen der Komponist Akkorde, Motive und Themen verarbeitet, anklingen läßt, um Oktaven oder Quinten versetzt, ihnen den Charme des Fragments verleiht und als Folie verwendet, eine Widerspiegelung im Jetzt zu schaffen. Schubert bleibt immer präsent, erhalten und erkennbar, als Hintergrund und Widerhall. In der Interpretation von Leif Ove Andsnes hatten die Reminiszenzen eine große bild- und szenenhafte Qualität – wie Widmann mit der Wahrnehmung spielt, konnte begeistern! Ob als verlangsamende Spieldose oder Scherzando mit Scherz (Andsnes pfeifend als Echo seiner selbst) war dieser Kontakt mit dem Gewandhauskomponisten eine höchst interessante Begegnung.

Widmann bezog sich ursprünglich auf Schuberts letzte Sonate (D 960), Andsnes stellte dem Werk die drei Klavierstücke D 946 gegenüber, ebenfalls aus den letzten Schaffensmonaten des Komponisten. Unvermittelt und rasch ließ er das erste der Stücke auf Widmann folgen, machte aber unmißverständlich klar, daß Schuberts Klangwelt (und Person) eine andere als Widmanns ist, hob vor allem auch die Ambivalenz der Schattierungen heraus – Melancholie ist nichts zwangsläufig mit Tristesse gepaart, sondern häufig mit Lebenszugewandtheit verbunden – bei Schubert zumindest.

Ähnlich differenziert war Andsnes‘ Ansatz bei Ludwig van Beethovens »Sturm«-Sonate nach der Pause. Gerade Beginn und Ende waren von Rückungen, kleinen Verzögerungen gekennzeichnet, die schon eigenwillig schienen. Doch der Pianist wollte wohl nicht dem simplen »Sturm«-Bild folgen, sondern das musikalische Material fokussieren.

Die erzählerische Spannweite des Norwegers reichte ungemein weit und fand in Chopin einen krönenden Abschluß. Dem Nocturne H-Dur und der ersten Bagatelle folgte als erste Zugabe noch die dritte, mit einem weiteren Impromptu in h-Moll von Jean Sibelius fand Leif Ove Andsnes zum Ausgangspunkt zurück und zeigte dabei die impressionistische Seite des Finnen auf.

9. November 2017, Wolfram Quellmalz

Das nächste Konzert mit Werken Jörg Widmanns im Gewandhaus findet am 3. Dezember statt (Kammerkonzert mit dem Armida-Quartett und Jörg Widmann).

In den nächsten großen Klavierabenden sind Daniil Trifonov (10. Februar), Mitsuko Uchida (16. April) und András Schiff (13. Juni) zu Gast. Das nächste Klavierkonzert findet am 27. Januar mit Tomoki Sakata (Steinway-Preisträger) im Mendelssohnsaal statt.

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