Ragna Schirmer präsentiert ihre neue CD »Clara«

Klavierkonzerte von Clara Schumann und Ludwig van Beethovencd_clara_2017

Manche Programmheftschreiber oder Musiker tun sich schwer: Clara Wieck war ein pianistisches Wunderkind, komponierte früh erste Stücke, später wurde sie die Frau Robert Schumanns, setzte eine Karriere als Virtuosin von Weltruf fort. Wie sie also benennen? »Clara Wieck« oder »Clara Schumann«? »Clara Schumann-Wieck« sicher nicht, denn einen Doppelnamen hat sie nie getragen. Auch sah sie selbst sich vor allem als Interpretin denn als Komponistin. (Nicht weniger kritisch als die eigenen Werke betrachtete sie jene ihres Mannes oder des Freundes Johannes Brahms.)

Ragna Schirmer nähert sich der Frau und ihrer Musik ganz persönlich, nennt sie sie einfach beim Vornamen: »Clara«. Und wer, wenn nicht Ragna Schirmer, sollte nicht das Recht dazu haben? Immerhin hat sie nicht nur nicht nur Partituren der Werke für Aufführungen studiert oder Einträge im Haushaltsbuch der Schumanns gelesen, sondern sich in Entwürfe, Skizzen, sämtliche erhaltenen Briefe vertieft – seit Jahren schon. Unvergessen ist zum Beispiel ein Konzert in der Kirche Leipzig-Schönfeld – hier hatten Clara und Robert Schumann geheiratet – mit dem genialen Dominique Horwitz, der aus Briefen und Tagebucheinträgen vortrug und der Pianistin, die auf einem historischen Blüthner-Flügel spielte. Immer wieder kehrt Ragna Schirmer zu den Schumanns zurück, auch ihre letzte Aufnahme »Liebe in Variationen« galt dem Ehepaar und dessen engem Freund Johannes Brahms.

Auf der neuen CD vereint Ragna Schumann nun das Opus 7 Clara Schumanns mit dem vierten Klavierkonzert Ludwig van Beethovens. Letzteres hat Clara Schumann nicht nur oft gespielt, sondern auch Kadenzen dafür geschrieben (1. und 3. Satz), welche auf der Aufnahme zu hören sind.

Entstanden ist die CD im Rahmen eines Konzertmitschnittes mit der Staatskapelle Halle unter der Leitung von Ariane Matiakh. Gleich das Eingangsstück – natürlich kommt Clara Schumanns Konzert zuerst – nimmt mit seiner Leichtigkeit und Klarheit gefangen. Erstaunlicherweise gibt es kaum mehr als eine Handvoll Aufnahmen des Werkes, die bisher vielleicht prominenteste ist jene mit Veronica Jochum und den Bamberger Symphonikern (Joseph Silverstein) von 1988. Das ist fast dreißig Jahre her, und nicht nur unser Geschmack und Verständnis haben sich seither verändert.

Unter den Händen von Ragna Schirmer und der Begleitung Ariane Matiakhs gewinnt vor allem die gesangliche Seite der Komposition. Die Staatskapelle Halle erweist sich als kongenialer Begleiter – Pianistin und Dirigentin haben ganz offensichtlich eine gemeinsame Lesart gefunden und umgesetzt, die vor allem der Leichtigkeit und Romantik nachspürt und die ebenso virtuose Freizügigkeit beweist wie den melodischen Gehalt herausstreicht. Nicht zuletzt prägt die Wiedergabe eine Sanftheit der Kontraste, selbst dann, wenn diese im Grunde sehr stark sind. So gerät der zweite Satz über weite Teile zu einer Sonate für Violoncello (Hans-Jörg Pohl) und Klavier, die sich aber harmonisch in die Teile und Sätze mit dem vollen Orchester fügt.

Das Cello füllt auch im dritten Satz Ludwig van Beethovens viertem Klavierkonzert noch einmal prominent eine Solopassage aus. Auch hier überzeugt die Leichtigkeit und Spontanität des Orchesters als Gegenüber für den brillant klingenden Steinway (einmal kein historischer Flügel wie sonst oft bei Ragna Schirmer). Wie gut die dramatische Verwebung gelungen ist, zeigt sich vor allem im zweiten Satz, in dem sich Solistin und Orchester zuerst gegenüberstehen, langsam aber immer näherkommen und schließlich in präziser Deckung verschmelzen. Den ersten und dritten Satz wiederum hat Ragna Schirmer mit Clara Schumanns Kadenzen eingespielt, die (nach Kürzungen der Komponistin) dennoch ausgefeilt und umfangreich geblieben sind. Ragna Schirmer beweist, daß sie hinsichtlich der thematischen Verarbeitung bzw. Weiterführung wie in den Proportionen ausgewogen sind.

Zwar ist die Aufnahme während eines Konzertes entstanden, störende Nebengeräusche beeinträchtigen sie jedoch nicht. Auch der Applaus wurde für die CD herausgeschnitten. Ergänzend enthält das Beiheft vieles Interessante zu den Werken, aber auch zur Annäherung der Pianistin an die Stücke und zur Entstehung der CD.

23. Oktober 2017, Wolfram Quellmalz

Ragna Schirmer, Staatskapelle Halle (Ariane Matiakh): »Clara« (Berlin Classics), Clara Schumann: Klavierkonzert a-Moll Opus 7, Ludwig van Beethoven: Klavierkonzert G-Dur, Opus 58

 

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s