Entspannung unter Hochspannung

Heinrich Schütz Musikfest zu Gast in der Hochspannungshalle der TU Dresden

Ungewöhnliche Orte und Begegnungen gehören heute oft zu Musikfesten. Manchmal gelingen sie auch nicht, oft aber eröffnen sie neue Perspektiven, ermöglichen Austausch, geben Anregung oder führen Menschen zueinander, die sich im »normalen Konzert« vielleicht nicht gefunden hätten. Das Konzert des Gambenconsorts Phantasm in der Hochspannungshalle der Technischen Universität Dresden war eine solche gelungene Begegnung. Ganz bewußt wollte das Programm durchaus Impulse geben, die von naturwissenschaftlicher Seite (Hans-Peter Pampel, Leiter der Labore für Hochspannung) sowie mit einem historisch-religionswissenschaftlichen Ansatz (Prof. Dr. Gerhard Poppe) beleuchtet wurden. Beides vor dem Hintergrund des Festspielmottos »Aus Liebe zur Wahrheit«. So fußt die Wahrheit zwar einerseits auf Erkenntnis, doch ist diese von einer subjektiven Wahrnehmung abhängig – Perspektivwechsel inklusive. Andererseits wäre eine absolute, entmenschlichte Wahrheit kaum erstrebenswert – wie könnte man sie sonst lieben?

Derlei Einblicke, kurz, aber prägnant, waren durchaus Impulse zu einem bekannten Kontext, nicht zuletzt, da uns viele der Probleme des 17. Jahrhunderts heute immer noch oder wieder betreffen.

Spannungen zu lösen ist eine wichtige Aufgabe des Menschen. Ob durch Erkenntnis und Problemlösung, durch Konsens oder – wie in der Musik – durch Auflösung von Dissonanzen.

Das Gambenconsort Phantasm um den Leiter Laurence Dreyfus führte dies eindrücklichst vor. Die beiden Konzerthälften waren der Musik bzw. den Urhebern nach dem »protestantischen Orkan« bzw. »katholischen Flammen« zugeordnet. Gleichwohl bemerkt, wer etwas tiefer in die Materie eintaucht, daß die Trennung gar nicht immer so klar ist, spätestens, wenn Komponisten unterschiedlichen Herrschern dienen und Konfessionen folgen…

So oder so – die Musik William Byrds und Alfonso Ferrabosco vermochte ebenso wie die Werke Matthew Lockes oder Henry Purcells zu bezaubern. Zu viert bzw. fünft offenbarte das Consort die tiefe Harmonik William Byrds, dessen Missa á 4 der weggelassene Text als innere Stimme erhalten blieb. Während Ferraboscos Pavan á 5, Fantasia á 4 und In nomine á 5 no. 1 von heiterem Charakter und dem Tanz entlehnten Rhythmen geprägt wurden. Dem gegenüber zeigten sich Matthew Lockes Kompositionen nahe dem Lied bzw. Volksliedern – der Gesang gehört zu den charakteristischsten Tönen, die eine Gambe vorbringen kann. Oder waren es Henry Purcells geniale Phantasien à 3, 4 und 5, welche am meisten einzunehmen vermochten? Phantasm, phantastisch, unglaublich, betörend. Purcell, der »Orpheus Britannicus« wußte selbst kleinere Werke effektvoll auszustaffieren!

So kam es weder zu unangemessenen Spannungen noch schädlichen Entladungen in der Hochspannungshalle. Angereichert wurde der Abend schließlich noch durch die Zugabe: John Jenkins‘ Pavane no. 1 in G – harmonische Übereinstimmung statt Überspannung.

9. Oktober 2017, Wolfram Quellmalz

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