»Paulus« mit dem Kreuzchor und der Sächsischen Staatskapelle

Mendelssohns Oratorium am Sonnabend in der Kreuzkirche

Es ist neben dem »Elias« Felix Mendelssohns zweites Oratorium – »Paulus«. Ein abendfüllendes Werk, mit dem er einerseits an die bach’sche Tradition anschloß, sich in Form und Textauslegung jedoch auf der Höhe seiner Zeit zeigte bzw. einen neuen Maßstab setzte – mit ihm begann die Epoche der romantischen Oratorien.

Felix Mendelssohn hatte mit seinem Freund und Theologen Julius Schubring lange Zeit darauf verwandt, Textstellen und Choräle auszuwählen. Etwa vier Jahre nach dem Auftrag wurde »Paulus« zu Pfingsten 1836 uraufgeführt, danach überarbeitete es der Komponist sein Werk noch einmal. Im Oktober desselben Jahres wurde es (in englischer Sprache) in der endgültigen Fassung in Liverpool aufgeführt.

Neu bei Mendelssohn ist unter anderem, daß er erzählende Passagen nicht einem Evangelisten oder einem Erzähler zugewiesen, sondern sie verteilt hat. Ebenso ist die Stimme des Himmels bzw. Christus‘ nicht einem Baß, sondern einem Frauenchor vorbehalten, was den Eindruck eines entrückten Himmels verstärkt. Damit scheint das Werk auch geeignet für Aufführungen mit einem Knabenchor, und die Kruzianer erwiesen sich als feinsinnige Interpreten.

Dem Feinsinn hatte Kreuzkantor Roderich Kreile, der die Aufführung leitete, besonders viel Raum gegeben. Samtig und seidenweich spielten die Streicher der Staatskapelle, auf deren Fundament sich Stimmen und Gesang erhoben. Besonders eindrücklich waren gerade die Soli und jene Momente, in denen der Chor in einzelnen Stimmen sang, eben zum Beispiel den Sopranen. Gerade in den Chorälen – im Gottesdienst sonst unter der Mitwirkung der Gemeinde, also lauter als der Chor alleine, ein Augenblick der Bestätigung, nutzte Kreile gerade für leise, bedachte Momente und schaffte so eine unter die Haut gehende Verinnerlichung. Insgesamt ging dem langen Werk über die etwa zweieinhalb Stunden damit zwar etwas die Binnenspannung verloren, doch schafften Chor und Orchester es jeweils mühelos, Zuhörer mit konzentrierten Textpassagen oder (im tutti) emphatischen Ausdruck wieder »einzufangen«.

Hinsichtlich der Solisten hat Mendelssohn die Anteile sehr ungleichmäßig vergeben, zumindest für die Altistin (Rebecca Martin) ist ein Rezitativ und Arioso (»Doch der Herr vergißt die seinen nicht«) sowie die Mitwirkung im Solistenquartett vorgesehen, was in diesem Fall zu bedauern war – vom geschmeidigen Alt hätte man gerne mehr gehört.

Wesentliche Rollen übernahmen der samtene Tenor von Patrick Grahl und Elisabeth Breuer (Sopran), die gleichermaßen mit feiner Stimmentfaltung und Klarheit betörten. Dem Ansatz der Verinnerlichung folgend, konnten sie immer wieder mit kleinen Gesten und Betonungen große Wirkung erzielen. Baß Klaus Mertens fand für die dramatischen Verläufe der Handlung und den Apostel mit runden Vokalen und weichen Konsonanten nachdrückliche Worte und im Verlauf zu immer stärkerem Ausdruck.

Von innen her, vom Gedanken aus, dies schien Roderich Kreile betonen zu wollen, wobei ihm das Orchester folgte. Soli und Betonungen wie der Trompeten (im Choral »Wachet auf«) oder dem Cello-Solo (Friedwart Christian Dittmann) in der Tenor-Kavatine verliehen Mendelssohns Werk zusätzlichen Glanz.

24. September 2017, Wolfram Quellmalz

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