Georg Philipp Telemann, der wiederentdeckte Meister

 

Telemann

Heutzutage kaum nachvollziehbar, dass das umfangreiche Schaffen von Georg Philipp Telemann (1681- 1767) im 19. Jahrhundert in Vergessenheit geriet. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts begann man sich seiner zu erinnern, woran die musikalische Jugendbewegung ihren lebhaften Anteil hatte und die Verlage aufmerksam wurden. Der in Magdeburg geborene Sohn eines Pfarrers erregte bereits ab 1701 während seines Jurastudiums in Leipzig mit seinen kirchenmusikalischen Aktivitäten Aufsehen, vor allem aber mit der Gründung eines vierzigköpfigen Collegium musicum, von dem auch J. S. Bach später noch profitieren konnte. Seine weiteren Stationen in Sorau, wo er polnische Musik kennen lernte, Eisenach und Frankfurt (am Main) in höfischen und städtischen Bereichen, bildeten den Grundstock für sein über 40jähriges Wirken als Chef im weltlichen und kirchenmusikalischen Bereich der Hansestadt Hamburg. Bis heute kaum vorstellbar: von seinem kompositorischen Wirken an all den Orten sind über 3600 Werke überliefert: Kirchenkantaten, Passionen, Orchestersuiten, Opern sowie Kammermusik. Stilistisch damals aktuell von Polen bis Frankreich und mit einem Gespür für Attraktivität komponiert, was Instrumentenwahl, Ausdruck und mögliche Virtuosität betrifft.

Davon zeugt die CD „Concerti per molti stromenti“, ausgeführt von der Akademie für Alte Musik Berlin. Was dieses seit 1982 in Berlin gegründete Spezialensemble zu präsentieren weiß, das vermag sogar vermeintliche Kenner zu begeistern, berühren und Neugier zu wecken. Denn wenn als Auftakt das Concerto für 3 Trompeten, Pauken, 2 Oboen, Streicher und Basso continuo erklingt, dann wird man nicht nur vom Klang fasziniert, sondern vom bei Telemann gewohnten Formenreichtum abseits gewohnter Pfade. Das folgende Concerto für 2 Flöten, Calchedon (Langhalslaute) und Streicher h-Moll (Dresdner Vision) überrascht mit seinen von gezupften Streichern begleiteten Soli, man denkt unwillkürlich an Bach berühmtes Air. Doch damit nicht genug, die weiteren Werke für 3 Oboen, 3 Violinen und Basso continuo, oder auch in einer reinen Streicherbesetzung, wie in der Sonate für 2 Violinen, 2 Violen, Violoncello und Basso continuo, man wird immer wieder überrascht von der originellen Handschrift des Meisters. Etwa dann, wenn ein Concerto für Mandoline, Hackbrett, Doppelharfe, Streicher und Basso continuo nicht nur ungewöhnlich in der Besetzung musiziert wird, sondern mit virtuosem Feuer, beinahe melancholisch besinnlicher Mitte und geradezu faszinierendem Finale.

Gleiches trifft auf ein Concerto für drei Hörner, Solovioline, Streicher und Basso continuo zu. Spätestens hier wird einem bewusst, welche Entwicklung die Aufführungspraxis auf historischen Instrumenten in den vergangenen Jahrzehnten genommen hat, einfach fantastisch. Das trifft für alle Ensemblemitglieder zu einschließlich Fagott, Laute und Cembalo. Heute kaum vorstellbar, dass zu Karl Straubes Zeiten als Thomaskantor bei den Passionen auf der Empore der Thomaskirche ein Blüthner-Flügel zur Begleitung der Rezitative stand! Das Cembalo erlebte alsbald durch den Instrumentenbau seine Renaissance.

Diese CD macht Lust auf noch mehr Telemann. Die Akademie für Alte Musik dabei ein Meisterensemble und 2006 mit dem Telemann-Preis der Stadt Magdeburg geehrt, 2014 mit Bach- Medaille der Stadt Leipzig und dem ECHO-Klassik. 1952 schrieb Hans Joachim Moser über Telemann: „Noch vor einigen Jahren galt er als platter Vielschreiber, der mehr produziert hat als Bach und Händel zusammen. Heute steht er durch viele Neuausgaben als der interessante Meister jener rührigen Generation gleich hinter Bach und Händel.“ Kenner und Liebhaber sind europaweit begeistert. Hamburg verfügt nun endlich über ein Telemann-Museum.

22. September 2017, Hans Lehmann

Concerti per molti stromenti, Werke von Gerog Philipp Telemann, Akademie für Alte Musik Berlin, Harmonia Mundi

Tip: Besuchen Sie das Telemann-Museum und die Telemann-Gesellschaft Hamburg: http://www.telemann-hamburg.de/index.html

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