Haydns Lächeln, Blondeaus Farben

Sinfonietta Dresden stellte im Konzert zwei Welten gegenüber

Nach seiner überaus erfolgreichen Karriere zog sich der Opernsänger Joseph Le Gros nicht ins Privatleben zurück, sondern beteiligte sich an den Pariser Concert spirituel, einer nicht an den königlichen Hof gebundenen Konzertreihe. In seine Zeit als Mitorganisator fallen bedeutende Kompositionsaufträge wie Mozarts »Pariser Sinfonie« (KV 297) sowie Joseph Haydns Stabat Mater und seine sechs Pariser Sinfonien. Die zweite daraus (Hob. I:83) stand am Sonntag in der Dreikönigskirche am Ende des Konzertes mit der Sinfonietta Dresden. Auch wenn das Orchester viel kleiner ist, als es jenes im damaligen Paris mit seinen vielen Streichern und Bläsern gewesen sein muß, gelang dieser Schluß doch stimmungsvoll und farbenprächtig.

Stimmung und Farbe sind ganz wesentlich für den Klang und werden gemeinhin als französisch erachtet, schon lange vor der Zeit der Impressionisten in der Musik. Und auch heute gilt dies noch, wie die Sinfonietta in Programm und Programmheft deutlich herausstellte. Den (im besten Sinne) gefälligen Kompositionen Joseph Haydns standen zwei Werke des 1961 geborenen Thierry Blondeau gegenüber, dem damit ziemlich genau die Hälfte des Konzertes gewidmet war – deutlich mehr als die sonst oft üblichen »Häppchen«. »Zigzag« 2 und 3 sowie »Ups and Downs« offenbarten ein vollkommen anderen Begriff des Klangs bzw. des Kreierens: während Olivier Messiaen, dessen Enkelschüler Blondeau ist, seine Kompositionen noch an der Natur ausrichtete und ihnen seine Empfindungen zugrunde legte, hat bei Blondeau das physikalische Labor eine große Bedeutung: das Analysieren von Klängen (was die Natur nicht ausschließt) und deren Zusammensetzung, also Frequenzen und Spektren, sind nicht nur sein Ausgangspunkt, sie sind auch bestimmend für die sogenannte Spektralmusik. Ihr wohnt das Nachspüren und Imitieren inne. Die beiden Werke führten dezidiert vor, wie Klang durch Mischung entsteht. Nur sechs (Zigzag) bzw. fünf Spieler (Ups and Downs) waren beteiligt, doch nicht in Einzelstimmen und musikalischen Motiven lag ihre Hauptaufgabe, sondern im Mitwirken am Gesamtklang, an der Stimmung. Und obwohl Blondeau auf einen »artfremden« Einsatz der Instrumente (wie ein Klopfen auf den Korpus) verzichtet, sie also gestrichen und geblasen einsetzt, ist das Ergebnis ein vollkommen neuer Klang. Manches an der obertonreichen Musik stach ins Ohr – fremd zwar, doch gaben die Werke, welche der Musik die Motive genommen zu haben schienen, dieser etwas anderes zurück, eine Vorstellung von räumlicher und zeitlicher Ausdehnung.

Haydn hatte nicht nur das letzte, sondern schon das erste Wort gegolten: mit seinem Klavierkonzert Nr. 11 eröffneten Orchester, Dirigent Uwe Zimmermann und Pianistin Heidemarie Wiesner den Abend. Auch dieses Werk ist mit Oboen und Hörnern ausgestattet, reich an Farben. Die Tönung der Sinfonietta war ungemein hell, was sich hervorragend mit der eleganten Phrasierung Heidemarie Wiesners ergänzte. Perlend erklang der Bechstein-Flügel, es war, als wolle Haydn den Zuhörern und den neuen Kompositionen zulächeln.

11. September 2017, Wolfram Quellmalz

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s