Porzellan klingt – hörenswert

Historisches Glockenspiel in der Porzellansammlung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden in zwei Konzerten erklungen

Meist geht man ins Museum, um Bilder oder Skulpturen anzuschauen, Porzellanvasen und Teeservice‘. Manchmal gibt es Vorträge, noch seltener: Konzerte. Immer wieder haben die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden dies jedoch in den letzten Jahren realisiert. Und so saßen am Mittwoch- und Donnerstagabend jeweils Besucher zwischen kostbaren Exponaten im Saal der Porzellansammlung, vor ihnen, an der geöffneten Glasvitrine mit dem historischen Glockenspiel, die Musiker.

Das Glockenspiel aus Meißner Porzellan hatte August der Starke einst in Auftrag gegeben, 1730 war das gewesen. Bis das Spiel jedoch entworfen, modelliert, ausgeführt und aufgestellt war, vergingen einige Jahre – August der Starke konnte es gar nicht mehr erleben. Eine der kniffligsten Aufgaben: die Glocken zu brennen. Porzellan hat – wie Ton – einen Schwund beim Brennen, der bei etwa 15 Prozent liegt und sich nicht exakt vorherbestimmen läßt. Auch das Nachbearbeiten, also Stimmen, ist nur bedingt möglich. So fertigte man wohl über eintausend Glocken an, um einen brauchbaren Satz zu bekommen…

Das Glockenspiel muß aber tatsächlich mehrfach gespielt worden sein. Das belegen unter anderem die in späteren Jahren nachgefertigten Glocken. Richard Röbel, Pianist, Cembalist und Komponist, lernte das Spiel vor einem Jahr anläßlich einer Aufführung am modernen Glockenspiel zur Zeitumstellung im Oktober kennen – und lieben. So war die Idee für ein Konzert inmitten der Porzellansammlung geboren.

Ungewöhnlich klingt das Spiel. Jede Glocke sei ein Individuum – das hatte sich auch Adrian Nagel gesagt. Der 1990 geborene Komponist hat ein Stück für das Instrument geschrieben, das an den Konzertabenden den jeweils alten Werken gegenüberstand. »Individuell« heißt, daß die Tonleitern nicht unserer Stimmung folgen, manchmal auch nicht der damaligen. Doch nicht »schief« klingt dies, sondern charmant!

Adrian Nagel hat ein bedächtiges Stück geschrieben, das dem Anlaß entspricht. »Bot« stellte den Glockenklang ins Zentrum. Den angeschlagenen Tönen folgten die drei Spieler Charlotte Kohl und Alexander Pilchen (Barockviolinen) und Marius Harren (Barockcello), als reflektierten sie eine Idee des Glockenklangs.

Hauptbestandteil des Abends waren aber historische, in Dresden aufbewahrte Kompositionen. Der berühmte Schranck No. II ist ein phantastischer Fundus, in dem sich immer noch Werke finden lassen, die nicht gedruckt, nicht aufgenommen und seit dem 18. Jahrhundert nicht mehr gespielt worden sind. Johann Gottlieb Grauns Violinsonate a-Moll GraunWV C:XVII:73 war so ein Stück, aber auch die Italiener Arcangelo Corelli und Francesco Geminiani belegten die damalige, höchst artifizielle Dresdner Spielkultur.

Am bemerkenswertesten waren sicher die Stück für oder mit dem Glockenspiel. Georg Friedrich Händel hatte einige geschrieben, von Georg Philipp Telemann und (vermutlich) Wilhelm Friedemann Bach sind ebenso welche überliefert. Über zwei Manuale werden die Glöckchen angeschlagen – mit Holz oder mit filzüberzogenen Schlägeln. Ein Wunderwerk, heute vielleicht noch mehr als damals, denn ein solches Spiel zu erhalten bedarf großer Sorgfalt und Mühe, es zu spielen größter Umsicht. So ist es nicht verwunderlich, daß das Konzert (vorläufig) einmalig war.

8. September 2017, Wolfram Quellmalz

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s