Zuversicht und Hoffnung, keine Enttäuschung

Staatskapelle eröffnet Saison mit Christian Thielemann und Nikolaj Znaider

Nicht erst seit seiner Residenz als Capell-Virtuos 2011 / 12 ist Nikolaj Znaider regelmäßig in Dresden zu Gast. So wie er schon mit Sir Colin Davis zu einer kongenialen Zusammenarbeit gefunden hatte, setzt sich die Verbindung nun mit Christian Thielemann fort. Eröffnungen, sagte Znaider vor seiner Zugabe, seien eigentlich am schönsten: es gäbe nur Hoffnungen, noch sei nichts schiefgegangen, habe es keine Enttäuschung gegeben. Dieses Resumée hat auch nach dem Freitagskonzert in der Staatsoper Bestand.

Max Bruchs Violinkonzert gehört neben Mendelssohns e-Moll-Werk oder den Konzerten von Beethoven und Brahms zu den bekanntesten überhaupt. Selbst ohne einen der zahlreichen Vergleiche zu bemühen, kann man sich dennoch an ihm satthören, wenn die Romanze des Adagios zum Beispiel mit übertriebenem Schmelz präsentiert wird. Doch gerade solche »Schlüsselwerke« lassen sich auch immer wieder neu hören, wenn ihnen Leichtigkeit verliehen wird. Christian Thielemann verführte die Staatskapelle zu einem luziden Klang, aus dem heraus die Bläser um so trefflicher zu leuchten vermochten. Doch vor allem war das Orchester ein einfühlsamer Begleiter – Nikolaj Znaider und Christian Thielemann haben in den letzten Jahren zu einer symbiotischen Künstlerschaft gefunden, aneinander Maß genommen, sehr zum musikalischen Gewinn und Genuß! So konnte Znaider sich zurücknehmen, ohne im Gesamtklang unterzugehen. Sein feiner, bis in zarte Schattierungen reichender Ton behielt stets seine tragfähige Gesangslinie. Schon Allegro moderato, aus dem sich das Adagio schlüssig ergab, zeugte von Kultiviertheit – kein Gegensatz der Sätze, kein »Schmachten«!

Ganz frei von gefühlsduseliger Larmoyanz war auch – der Chef wünschte etwas leises zwischen den schwergewichtigen Programmpunkten – die Zugabe: Bachs Sarabande d-Moll.

Zum Spielzeitbeginn gehört seit einigen Jahren eine Bruckner-Sinfonie. Die Nummern 3 bis 9 liegen auch bereits als CD bzw. DVD mit dem Chefdirigenten vor, nun ging es sozusagen einen Schritt zurück. Zumindest der Zählung nach traf dies zu, denn am Freitagabend lag Anton Bruckners Sinfonie Nr. 1 auf den Pulten. Doch das »zurück« scheint deplaziert, wird hier doch nach und nach ein ganz spezieller Klangkosmos erschlossen, der kein »zurück« kennt. In ihrer Entstehung und Überarbeitung überschneiden sich die Sinfonien ohnehin und entziehen sich einer linearen Chronologi. Christian Thielemann hatte sich für die revidierte Fassung von 1877 entschieden – zu dieser Zeit arbeitete der Komponist bereits an der fünften Sinfonie.

Monumente sind die Werke allemal, komplexe Klangverwebungen, die gehoben, entschlüsselt, belebt werden wollen. Viel Feinarbeit ist hier vonnöten, glänzende Klangflächen und ein paar Steigerungen genügen eben nicht. In diese Feinarbeit haben sich Christian Thielemann und die Staatskapelle spürbar vertieft, auch scheint die Atomsphäre gelöst wie noch nie. Dem ungewöhnlich freundlichen Beginn des ersten Satzes folgte ein Fügen der Motive, die nach und nach die Stimmen durchwanderten. Thielemann verließ sich nicht allein auf die prächtigen Blechbläser, schon die Streicher offenbarten die Feinheit des »Gewebes«. So schien das Adagio der Schlüssel, zeugt es doch von der Synthese, formt aus Stimmen und Motiven etwas mächtiges. Christian Thielemann führte die Erste vom Adagio-Kern aus bis zum Finale – auch hier obsiegte der Feinsinn, ein Monument ohne monumentalen Bombast.

Heute geht es auf Gastspielreise nach Frankfurt, München, Wien und Mailand mit dem Eröffnungsprogramm sowie Variationen um Beethovens ersten Klavierkonzert (Pianist: Rudolf Buchbinder), Brahms‘ zweite Sinfonie sowie Mendelssohns »Hebriden-Ouvertüre«.

2. September 2017, Wolfram Quellmalz

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