Fantasien von allerley Gestalt…

…und mancherley Gethier

Am gestrigen Mittwochabend eröffneten die 22. Silbermanntage mit Concerto Copenhagen in der Freiberger Stadtkirche St. Petri. Unter dem Titel »Gli uccelli – Die Vögel« tauchten dabei manche Tiere auf, welche das diesjährige Festtagsmotto (»Fantasien von allerley Gestalt«) illustrierten.

Obwohl es ein thematisches Zentrum (Gli uccelli) gab, waren die Werke von höchst unterschiedlicher »Natur« und reichten vom virtuosen Stück über solche mit komödiantischen Elementen bis zu festlichen Klängen. Concerto Copenhagen zeigte unter seinem Leiter Lars Ulrik Mortensen einmal mehr, wie eng sich Spielwitz, Galanterie und musikalische Freude verbinden lassen.

Charles Avison, ein Komponist des 18. Jahrhunderts, eröffnete den Abend sozusagen als »Nachgeborener« mit seiner Sicht auf Domenico Scarlatti. Aus Sonaten des Italieners hatte Avison Concerti grossi zusammengestellt, dabei die Stimmen erweitert und neue hinzukomponiert. In seinem d-Moll-Konzert zum Beispiel verwendete er für den Eingangssatz die Sonate K 89 (der gleichen Tonart), die aber keine Solosonate ist, sondern für ein Spielinstrument (oft Gitarre oder Violine) und Basso continuo geschrieben ist. Die anderen drei Sätze dagegen folgen dem reichen Œuvre der Sonaten für Tasteninstrumente solo (K 37, 38 und 1). Doch selbst der Schlußsatz, dessen Original auf dem Cembalo oder Klavier recht bekannt ist, zeigte, daß Charles Avison ein neues, eigenständiges Werk geschaffen hatte.

Eigenständigkeit konnte man jedem der ausgewählten Stücke bescheinigen, selbst dann, wenn sie ähnliche Themen aufgriffen oder gleiche Motive verwandten. Wie sollten sie auch nicht? Immerhin wurden Vögel wie Nachtigall, Kuckuck und Henne gleich mehrfach vertont bzw. nachgeahmt. Während Antonio Vivaldi (»Il Rosignuolo« RV 335a und »Il Gardellino« RV 428) besonders klangsinnliche und virtuose Stücke beitrug, hatte Heinrich Ignaz Franz von Biber ein ergötzliches Konzert geschrieben, das neben besagten Vögeln unter anderem Frösche quaken und Katzen miauen ließ – allesamt eindrucksvoll von Hannah Tibell (Violine, Mitglied von Concerto Copenhagen) intoniert, welche naturalistische Nachahmung und musikalische Karikaturen zu einem witzigen Bilderreigen verband.

Konzertmeister Fredrik From hatte zuvor bereits als Solist Vivaldis Nachtigall besungen und selbst deren Schluchzen ausgemalt – ganz deutlich trugen Verzerrungen und kratzige Laute zur Belebung der Stücke bei, vor allem aber zeigte sich die Farbenpracht der alten Instrumente. So in Vivaldis »Distelfink«: Das Lieblingswerk vieler Flötisten kann man ebenso mit Block- oder Querflöte hören, Katy Bircher gelang auf der Traversflöte eine besonders warme Interpretation – wie Abendgesang im Mondenschein.

Eine Orgel Gottfried Silbermanns trat nach der Pause in Aktion: das große Intrument von 1735 (sein Opus 38) war Solistin in Georg Friedrich Händels Orgelkonzert F-Dur (HWV 295). Auch dies eine Besonderheit: Anders als in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts, als die großen Orgeln oft eingesetzt wurden, folgen Aufführungen heutzutage oft der damaligen Situation. Händel hatte für seine Konzerte meist nur eine kleine Theaterorgel zur Verfügung. Krysztof Urbaniak ließ die Klangpracht der Orgel majestätisch verströmen und fand mit dem Orchester zu einer federleichten Wiedergabe – wunderbar!

Lars Ulrik Mortensen, Cembalist und Dirigent, versprühte selbst die Lebhaftigkeit der Stücke – einfordern mußte er sie wohl nicht. Nur eines war ihm nicht gelungen: das rote Aufnahmelicht zu beschwören. So hieß es manchmal kurz abwarten, wenn noch die Moderation der Radioübertragung lief. Überhaupt sollte man dankbar sein, daß das Konzert ins ARD-Radiofestival aufgenommen worden war – heute keine Selbstverständlichkeit mehr.

Den Abschluß bildete – ähnlich dem Beginn – ein Rückblick. Ottorino Respighi gehört schon zu den Komponisten des zwanzigsten Jahrhunderts. Seine Vögel, die dem Abendprogramm den Titel gegeben hatten, sind ein sehr bekanntes Werk, Sätze daraus beliebte Wunschkonzertstücke. Karl Aage Rasmussen (geboren 1947) hatte sie für Concerto Copenhagen bearbeitet – ein Experiment, das man als gelungen betrachten kann! Satt und füllig klangen die Streicher schon zu Beginn. Während ein normales Sinfonieorchester vor allem mit harmonischer (aber auch »glatter«) Homogenität besticht, traten nun vor allem die naturalistischen Stimmen prägnant hervor. Oder ganz sanft – so poesievoll hört man die Tauben des zweiten Satzes selten! Und Bläser wie Oboen und Fagotte dürfen auch einmal knarzen, wenn sie »das Tier rauslassen«…

Ein wunderbarer Abend, der gespannt macht – bei den Silbermanntagen gibt es weit mehr zu erleben als Orgeln, am Sonnabend in Geising zum Beispiel Pantomimen. Ein weiterer wichtiger Bestandteil der Festtage ist der Orgelwettbewerb (11., 13., 14. und 16. September) an verschiedenen Silbermann-Instrumenten).

7. September 2017, Wolfram Quellmalz

Das Konzert kann noch bis zum 13. September im Internet nachgehört werden:

http://www.ardmediathek.de/radio/ARD-Radiofestival-2017-Konzert/22-Gottfried-Silbermann-Tage/ARD-Radiofestival/Audio?bcastId=43536742&documentId=45739186

Weitere Informationen unter: http://silbermann.org/silbermann-tage/

Einen Rückblick auf den Orgelwettbewerb dürfte das Orgelmagazin von Claus Fischer (mdr Kultur, sonntags 22:00 Uhr) in einer der nächsten Folgen bereithalten.

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