Worauf es ankommt

Arnulf von Arnim beim Pianoforte-Fest Meißen

Einen kleinen und einen größeren Sturm aus Beethovens reichem Sonatenschaffen entfachte Arnulf von Arnim am Freitagabend im THÜRMER Pianoforte-Museum, hielt aber auch Franz Schuberts erste Serie der Impromptus (D 899) bereit – Stücke, so Arnim, die Kinder gerne spielten und welche deshalb oft unterschätzt würden, lange selbst von ihm. Erst jetzt, in diesem Jahr, im stolzen Alter von 70 Jahren, spiele er sie im Konzert.

Ob Beethoven, Schubert oder Chopin – Klang und Ausdruck kennzeichnen für Arnulf von Arnim das Klavierspiel wesentlich, die Suche danach, die Auseinandersetzung mit den Stücken und deren Philosophie, ist essentiell. Und dies – soviel sei vorweggenommen, merkte man dem Vortrag an, der von Klang und Stimmung, Charaktereigenschaften, die nicht erst seit den impressionistischen Komponisten Bedeutung haben, durchdrungen war.

Der Pianist, der seine Studien unter anderem bei Wilhelm Kempff und Claudio Arrau vervollkommnet hat, spielte in der ersten Programmhälfte Ludwig van Beethovens Klaviersonaten F-Dur Opus 10 Nr. 2 und d-Moll Opus 31 Nr. 2 (»Der Sturm«). So unterschiedlich diese auch ausfallen – Beethoven hatte zwischen den beiden Kompositionen eine enorme Entwicklung vollzogen – ein Sturm war in beiden enthalten. Überhaupt war der Abend geprägt durch Imaginationen, die der Pianist entfachen konnte. So bewies er in F-Dur eine Gestaltungsweite von Leichtigkeit, ließ im begleitenden Baß aber bereits das Brausen Beethoven’schen Impetus aufkommen. Grüblerisch noch im zweiten Satz, frohlockte der dritte erneut mit Leichtigkeit, die nun ungebrochen und an eine Spieluhr erinnernd eine lebhafte Fuge aufzeigte.

Eine ganze Flut (oder einen Sturm) von Bildern löste danach die Sonate d-Moll aus, die schon zu Beginn Mondschein und Geheimnis zu bergen schien. Im zweiten Satz führte sie durch einen Zauberwald – oder war Beethoven hier vielleicht von Shakespeares Luftgeistern umgeben? Den »echten« Sturm entfachte Arnulf von Arnim schließlich im Allegretto, doch blieb dieses Finale vom Wandelgekennzeichnet – Beethoven läßt den Sturm nicht über seine Zuhörer fegen, sondern die Melodie auch silbrig aufsprudeln.

Franz Schubert folgte in seinen Impromptus eher dem Ansatz der Innenschau und Reflexion. Verschachtelt und in vielen Schattierungen zeugen die Werke von einem ungeheuren Lebenswillen, einer Lebenslust, in denen Arnulf von Arnim Fäden kenntlich machte, welche der Melancholie oder einem freudigen Impuls folgten – die »typische« Tonartencharakteristik genügt bei weitem nicht, dies zu beschreiben. Wiederum standen Charakter, Klang und Stimmung im Mittelpunkt des Vortrages. Schubert, so hatte der Pianist einleitend gemeint, hätte als Romantiker begonnen und als Klassiker geendet.

Enden wollte und sollte der Abend jedoch ungetrübt, frei von Melancholie oder Gedankenschwere. Leichthin erklang auch Frédéric Chopins Scherzo E-Dur Opus 54 nicht. Die Entwicklung von Melodiebögen oder Themata, die Bezogenheit der Stimmen erst vervollkommnen den inneren Wert. Zu diesem war Arnulf von Arnim gedrungen und ließ ihn in der Zugabe noch einmal in Robert Schumanns »Arabeske« erklingen. Arabesken, Schnörkel, Ornamente – sie folgen stets einer Idee und sind weit mehr als Dekoration!

29. Juli 2017, Wolfram Quellmalz

Tip: Nächstes Konzert des Pianoforte-Festes Meißen: Am 25. August 2017 (Freitag) spielt Till Engel um 20 Uhr im THÜRMER Pianoforte-Museum Werke von Beethoven Liszt und Ravel.

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