Wagners übersteigerter Narzißmus

Kinoübertragung »Die Meistersinger von Nürnberg« aus Bayreuth

Betrachtet man die Bayreuther Premieren der letzten Jahre, ist die Inszenierung der »Meistersinger« durch Barrie Kosky vielleicht die vielversprechendste gewesen. Der Intendant und Chefregisseur der Komischen Oper Berlin ist ein kluger Theatermann, der bisher vor allem mit Ideen und Qualität überzeugte, nicht mit Provokation um der Provokation Willen. Daß mit ihm zum ersten Mal ein Regisseur mit jüdischen Wurzeln nach Bayreuth kam und sich ausgerechnet der Lieblingsoper des »Führers« annahm, war mehr als eine Randnotiz. Ein Bezug, eine Abrechnung, Klarstellung – man war gespannt, welchen Fokus Kosky aufzeigen würde. Die Stimmung entsprach überwiegend »neugierig«, im vorab schon ermüdende Erwartungshaltungen oder Vergleiche blieben diesmal aus. Auch seitens des Teams schien es, als wäre man ganz auf die Sache konzentriert.

DAS STÜCK

Nürnberg in der Zeit der Renaissance. In fachwerklicher Beschaulichkeit hat sich hier eine Welt der Meister entfaltet, die in ihren handwerklichen Fächern wirken, aber auch ein sozial-kulturelles Lebensgefüge in der Stadt errichtet haben. Sie wollen einen Meistersänger küren, der noch dazu die Tochter des Goldschmiedes Veit Pogner zur Frau bekommen soll. Die lokale Kultur hat ihre Blüten getrieben – oder ist die Blüte schon vorbei? Man könnte es vermuten angesichts des Regeldickichtes, welches die Meisterschaften beschreibt, auch die des Singens. Walther von Stolzing jedenfalls, ein freier Ritter, der sich am Wettstreit beteiligen möchte, wird als Fremder durchaus nicht wohlwollend aufgenommen. Zu frei, zu überlegen vielleicht, reagieren die Meister mit Mißgunst und Ablehnung – und begründen dies anhand ihrer selbstverfaßten Regeln. Es bedarf einigen Zuredens und Eingreifens durch Hans Sachs, Schuster und Poet, bis der Stadtschreiber und oberste Regelhüter (»Merker«) Sixtus Beckmesser überstimmt und zurückgewiesen ist. In Beckmesser, haben Historiker schon früher diskutiert, habe der Komponist möglicherweise den »bösen Juden« dargestellt. Richard Wagners einzige heitere Oper (oder »Satyrspiel«) endet glücklich (ohne daß dies wie in anderen Wagner-Opern gedeutet werden müßte) und mit einer Moral: »Verachtet mir die Meister nicht«.

INSZENIERUNG UND AUFFÜHRUNG

Barrie Kosky hat in Interviews zumindest vorab immerhin verraten, daß der übersteigerte Narzißmus Wagners für ihn ein zentraler Schlüssel ist, diesen zu begreifen. Wagner sei nicht verantwortlich für Auschwitz, aber die Nationalsozialisten ohne Wagner auch nicht denkbar. Daß man Wagner keine »Schuld« an der folgenden Geschichte zuschreiben könne, entschuldigt ihn demzufolge dennoch nicht. So wundert es nicht, wenn er die drei Aufzüge bevölkert: nicht nur Sachs, Walther und David sehen wie Wagner aus. Mit oder ohne Barrett, frisiert und mit Bart gibt es viele Wagners auf der Bühne. Kosky ist aber clever genug, dies nicht plakativ zu gebrauchen, sondern das Alter Ego Wagners in vielen Ansichten und Generationen darzustellen – die Schizophrenie der Person. Auch verzichtet er auf Nazisymbole wie Fahnen. Dafür bildet der Gerichtsraum der Nürnberger Prozesse den Rahmen, der die ganze Aufführung faßt – es sind die Flaggen der Alliierten, die hier wehen, keine uniformierten Nazis marschieren auf, sondern ein US-Soldat steht Wache.

Mehrfach springt Kosky in der Zeit, von Szene zu Szene, läßt sie aber auch zurücklaufen – woher wir kommen und was uns geprägt hat. Das Jetzt kann ohne das Gestern weder erklärt noch gesehen werden. Den Beginn hat Kosky in die Villa Wahnfried (Bühne: Rebecca Ringst) verlegt (hier wie in folgenden Bildern werden Zitate aus Protokollen oder Tagebüchern jeweils im Schriftbild vorangestellt). Richard und Cosima Wagner residieren hier und empfangen Gäste, neben Wagners Schwiegervater Franz Liszt taucht der jüdische Dirigent und Wagner-Unterstützer Hermann Levi auf – sie werden sich im nächsten Bild verwandeln: Aus Wagner wird Sachs, aus Levi Beckmesser und aus Liszt Pogner. Cosima hat Migräne, doch das interessiert niemanden, erst recht nicht ihren Mann. Der empfängt, packt begeistert Päckchen aus, zeigt ein Seidentuch herum, Schuhe, Cosima liest die Rechnung…

Wagner / Sachs (Michael Volle) und Levi / Beckmesser (Johannes Martin Kränzle) geraten hier schon aneinander. Kosky läßt Wagner sich selbstbezogen aufplustern, gegen Levi »stänkern« und diesen demütigen, wenn er den Juden zum Beispiel zwingt, sich an einer christlichen Andacht zu beteiligen. Doch abseits aller Symbolik und Deutung beweisen Kosky und sein Team vor allem eines: Spiel ist wichtig. »Rampensingen« gibt es hier nicht, das Duo Volle / Kränzle ist genial und erfüllt den Vorschußlorbeer, der ihnen von Regisseur und Festspielleitung gestreut wurde, mit Leben. Vor allem Michael Volle trägt den Abend – er ist seit seinem Beckmesser in Katharina Wagners Vorgängerinszenierung noch deutlich gewachsen. Stimmlich und körperlich präsent kann er die Figur emotional anreichern und verleiht ihr Tiefe. Sachs sieht, sinnt und zweifelt, kann aber seine Begeisterung noch mit Feuereifer weitergeben und sich für Walther von Stolzing einsetzen. Und: er ist so ambivalent wie erkenntnisfähig. Johannes Martin Kränzles Beckmesser darf bei Kosky auch einmal häßlich singen (wo Wagner es in die Partitur geschrieben hat), krächzen, hüsteln, nuscheln. Dann, wenn er im dritten Aufzug das von Walther gestohlene Lied falsch singt und sich seiner Unsicherheit bewußt wird, greifen die Meister (im Gerichtssaal sitzend) zu Kopfhörern, um ihn besser verstehen zu können.

Klaus Florian Vogt war und ist erneut Walther von Stolzing, doch während sein Spiel in der neuen Inszenierung besser zum Tragen kommt, erscheint sein Strahlen nicht mehr so ungezwungen und frei wie zuvor. Der lange Abend verlangt ihm einiges ab, was man manchmal etwas merkt. Nicht immer glücklich auch Anne Schwanewilms als Eva. In Erscheinung und auch Stimme kann sie nicht der jugendlichen Heldin entsprechen, im festlichen schwarzen Kleid gleicht sie eher einer Witwe. Die Buhs im Schlußapplaus sind dennoch unberechtigt und müssen wehtun.

Buhs (wenige) bekommt auch Dirigent Philippe Jordan, gleichwohl ist ihm eine leichtfüßige, luftige Interpretation gelungen. Daß Jordan triefenden Pathos vermeidet, tut gut! Die Musik deckt sich unter seinem Dirigat passend mit Koskys Inszenierung und dürfte in den folgenden Aufführungen noch besser werden. Die Sängerbesetzung ist insgesamt gut bis hervorragend incl. des prächtigen Festspielchores und kann auch in Nebenrollen erfreuen: wer die Ankündigung nicht mitbekommen hatte, erkannte Georg Zeppenfelds Stimme sofort – der Bassist war kurzfristig als Nachtwächter eingesprungen.

Das Bühnenbild ist gelungen, durch den Rahmen des Kastens (Villa oder Gerichtssaal) jedoch in seinen Ausmaßen beschnitten, was die Massenszenen, in denen bei Kosky viel Meister und Volk wuseln, etwas zu Wimmelbildern mutieren läßt – in der Kinoübertragung fällt dies durch Kameraschnitte noch mehr auf. Schön ist, daß – anders als zum Beispiel bei Frank Castorfs »Ring« – Kosky seine Aufmerksamkeit nicht in nebensächlichen Details ergötzt. Sie blieben meist auf kleine Bilder beschränkt, wie Harfe und Harfenistin, die den Sänger im letzten Aufzug begleiten werden, im Gerichtssaal aber seitlich stehen, als seien es Schreibmaschine und Protokollantin. Übermäßig dimensioniert und häßlich aufgeladen erscheinen dagegen die Wagner-Köpfe und die Karikatur auf einem Ballon am Ende der Prügelszene, der Kosky somit vor einem kulturhistorischen Hintergrund spiegelt, statt sie nur als Rauferei darzustellen. Wunderbar sind die Kostüme (Klaus Bruns), die Wagner, Liszt und Levi nicht überzogen persiflieren. Die Meisterkostüme aus der Renaissance erfüllen die Erwartungen und passen besser, als biederes Fachwerk mit Butzenscheiben (was verpönt gewesen wäre).

Die Neudeutung fällt insgesamt positiv und anregend aus. Statt Skandal setzt Kosky auf Verarbeitung, ohne dabei zu revolutionär zu sein. Viele Denkansätze waren schon einmal da, nur umgesetzt hat sie so noch keiner. Das ist durchaus ein wenig aufregend, auf der Höhe der Zeit, ohne als »neu in bekömmlichen Dosen« dazustehen – manche sagen dennoch, da wäre mehr möglich gewesen. Der Publikumsapplaus ist überwiegend zusprechend.

KINOÜBERTRAGUNG

Die Übertragung im Kino (hier: Rundkino Dresden) ist technisch einwandfrei. Man sitzt angenehm klimatisiert, etwas distanciert bleibt man selbstverständlich, denn das Besuchserlebnis kann kein Kino ersetzen. Die Bildregie ist deutlich besser als im vergangenen Jahr und wirkt diesmal nicht hektisch, gleichwohl wird sie durch viele Nahaufnahmen geprägt, was nicht immer nötig wäre, und verstärkt die »Wuseligkeit«. Wenn man den Sängern immer ins Gesicht schauen kann, »erwischt« man sie auch dabei, wenn sie zum Dirigenten sehen, um sich zu orientieren. Immerhin gab es – auch anders als im vergangenen Jahr – immer wieder das Bühnenbild in der Totale.

Stets unterhaltend und ergänzend war das Begleitprogramm. Axel Brüggemann ist ein bewährter Moderator und hat – vor allem in den pro Aufzug vorangestellten Inhaltszusammenfassungen – an schauspielerischem Vermögen dazugewonnen. Seine allzu witzigen und flapsigen Einlagen sind dennoch Geschmackssache, und ob der Notar bei der Gewinnspielauslosung von ihm so begeistert gewesen ist, sei dahingestellt…

Wie immer gab es erhellende oder begleitende Interviews. Während die Festspielleitung zurückhaltend repräsentativ blieb, waren neben Barrie Kosky vor allem Michael Volle und Johannes Martin Kränzle ein Gewinn. Das Publikum (zumindest im besuchten Dresdner Rundkino) besteht eher aus typischen Opernbesuchern und hat sich an der Bayreuther Atmosphäre auf der Sängerseite erfreut, auf den Premierenboulevard zu verzichten war wohltuend. Überdenken sollte man jedoch die Geprächsorte: so begann der Abend mit Katharina Wagner und Axel Brüggemann neben einem Toilettenschild…

 

26. Juli 2017, Wolfram Quellmalz

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