Beethoven und Liszt als bestimmende Komponisten

Preisträgerkonzert in der Frauenkirche

Wenn ein Pianist sein Programm mit Werken ausstattet, die zu den größten zählen, wird der Kritiker oft mißtrauisch, ob hier das Vermögen ausreicht, die Bedeutung zu erfassen oder ob der Veranstalter nur die Magnetwirkung der Werke ausnutzen wollte. Bei letzten Sonaten ist dies der Fall, aber auch bei so monumentalen Einzelstücken wie Ludwig van Beethovens »Hammerklaviersonate« oder Franz Liszts Sonate h-Moll. Wenn der Pianist oder die Pianistin dann noch sehr jung ist, wächst das Mißtrauen um so mehr – aus der Erfahrung, daß solche Stücke oft (viel) zu früh gespielt werden.

Chi Ho Han hat sein Programm am Sonnabend allein mit jenen beiden umfangreichen Sonaten bestritten und gezeigt: ja, er kann. Es ist möglich, daß ein junger Pianist (der Südkoreaner ist 25) in diese Werke eindringt, sie mit Sinn zu füllen und Zusammenhänge zwischen ihnen offenzulegen versteht. (Und ganz nebenbei ist Chi Ho Han ein weiteres Beispiel dafür, daß Preisträger des ARD-Musikwettbewerbes häufig mit Qualität überzeugen. Man darf sich also auf die kommenden Preisträgerkonzerte in der Frauenkirche freuen.)

Beethovens Meisterwerk wurde erst zwanzig Jahre nach ihrer Drucklegung erstmals (in entsprechender Qualität) in einem Konzert gespielt – von Franz Liszt, in dessen solitärem h-Moll-Werk sich wiederum Bezüge zu Beethoven ausmachen lassen. Solcher sind noch weitere zu finden, denn der Wiener Klassiker Beethoven hatte zu jener Zeit längst das Tor zur Romantik aufgestoßen und es verstanden, die architektonische Kunst der Fuge mit dem Geist der Phantasie zu verbinden – Robert Schumann scheint man im zweiten Satz bereits ebenso vorauszuhören wie Frédéric Chopin im dritten.

In der Interpretation von Chi Ho Han wurden solche Zusammenhänge so offenbar wie der Pianist – noch wichtiger – durch gestalterisches Maß überzeugte. Donnernde Akkorde waren nicht einem Übermaß der Intensität oder purem Mitgerissensein geschuldet, sie umfaßten Stimmungen und Wandel, dramaturgische Schichtungen und thematische Aussagen, die sich ineinanderfügten und niemals die Balance verloren. Gerade im Wandle und in kleinen Gesten zeigte sich Chi Ho Han als Meister: ob in der Angemessenheit der Pausen oder im Übergang – der Pianist bewies Präzision, Verständnis in der Aussage und Gestaltungskraft.

Die Bedeutung von Übergängen wurde gerade in Franz Liszts Sonate deutlich: das einsätzige Werk besteht aus vier Teilen, die sich um einen musikalischen Kern ranken, aber nicht »seriell« aneinandergekettet werden dürfen, sondern der Gestaltung bedürfen, Ankündigungen, Antworten, Nachworten gleich. Chi Ho Han besitzt hier bereits eine bestimmende Feinheit, blieb stets differenziert.

Doch was spielt man nach zwei solch epochalen Meisterwerken der Klavierliteratur als Zugabe? Brahms wohl nicht… Chi Ho Han überraschte sein Publikum mit einem kaum bekannten Werk eines beinahe vergessenen Komponisten: Charles Valentin Alkans Variationen »Le festin d‘ Esope« (Das Fest von Aesop) – technische höchste Schwierigkeitsgrade zum Vergnügen des Publikums.

16. Juli 2017, Wolfram Quellmalz

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