CD des Monats: Armida Quartett »Fuga Magna«

Vor fünf Jahren haben die vier Musiker des Armida Quartetts nicht nur den ersten Preis und Publikumspreis des ARD-Musikwettbewerbes gewonnen, sondern auch sechs weitere. Ein Jahr darauf erschien ihre vielbeachtete CD mit Werken Béla Bartóks, György Kurtágs und György Ligetis. Vor wenigen Wochen folgte eine neue Aufnahme, es ist die mittlerweile sechste des Quartetts. Sie ist als Koproduktion mit dem BBC Radio 3 entstanden, wo Martin Funda und Johanna Staemmler (Violinen), Teresa Schwamm (Viola) und Peter-Philipp Staemmler (Violoncello) zwischen 2014 und 2016 im Rahmen der Reihe »New Generation Artists« aufgetreten sind.

»Fuga magna«, also die »große Fuge«, ist eines der bedeutendsten Werke der Quartettliteratur. Ludwig van Beethoven hat mit seinem Opus 133 einen Gipfelpunkt markiert, dem sich das Armida Quartett auf der CD annähert und ihn schließlich erreicht. Es beginnt jedoch mit zwei Fugen, die Valentin Haussmanns um 1600 »für allerhand Instrumente« notiert hat. Noch also waren es keine Streichquartette nach unserem Verständnis, doch lassen sich »allerhand Instrumente« durchaus mit zwei Violinstimmen, Viola und Violoncello interpretieren. Das Armida Quartett besticht mit einem klaren Ton, einer Schnörkellosigkeit und einem tiefen Verständnis der jungen Musiker, der gerade bei Komponisten wie Mozart und Haydn frappierend ist. Wo andere auf die Wirkung der Affekte setzen, dringen die Armidas zum inneren Kern vor – diese ruhevolle Schwebung bei Haussmann ist nicht nur ein gelungener Einstieg auf der CD, sie entwickelt einen regelrechten Sog, der sich mit einer Sonata a quattro (also immer noch kein »regelrechtes« Quartett) von Alessandro Scarlatti fortsetzt.

Den meditativen Charakter dehnt das Armida Quartett jedoch nicht übermäßig aus, sondern läßt die Stücke nach und nach an Lebhaftigkeit gewinnen. Mit den Contrapunctum I, IV und XI wird die Aufnahme fortgesetzt. Innere Impulse, so scheint es, beginnen hier zu leuchten. Es gibt durchaus andere Interpretationen, ruhendere, etwa mit dem Quartett von Antje Weithaas und Christian Tetzlaff, doch bestehen diese Auffassungen nebeneinander, die Armida-Interpretation überzeugt mit belebender Frische.

Diese setzt sich mit einer weiteren Sonata fort: Johann Gottlieb Goldberg, jener durch ein nach ihm benanntes Werk berühmt gewordene Schüler Johann Sebastian Bachs, folgte der spätbarocken Fugenkunst, für die sich das Armida Quartett den Cembalisten und Musikwissenschaftler Raphael Alpermann als Verstärkung geholt hat. Und auch in Quintettbesetzung lassen sich die kontrapunktischen Verschlingungen verfolgen. Dem silbrigen Cembaloklang stehen vier Streicher gegenüber, die niemals an Transparenz verlieren. Raphael Alpermann ist übrigens nicht der einzige prominente Name in der Vita des Quartetts. Auch Alfred Brendel tausch dort auf, oder Reinhard Goebel, der einen erhellenden Begleittext zur Aufnahme beigesteuert hat.

Nach der gesteigerten Lebhaftigkeit gilt es noch einmal Atem zu schöpfen, mit Wolfgang Amadeus Mozarts Adagio und Fuge c-Moll / KV 546. Nach der lösenden Wirkung der bei Haussmann noch allgegenwärtigen Ruge ist hier eine große Spannung zu spüren, die jeder Note eine Bedeutung mitgibt. Jeder Ton schwingt nach, es ist, als reichten sich die vier Stimmen die Hände, um dann – was für ein Finale! – Beethoven den Schlußpunkt setzen zu lassen. Sein »Fuga magna« ist ein Gipfel, der das vorangestellte nicht in den Schatten stellt. Bemerkenswert ist die Klarheit der Interpretation, die nicht nur Hörgenuß verschafft, sondern einen regelrechten Erlebniswert auslöst – zwingend!

Armida Quartett »Fuga Magna« mit Werken von V. Haussmann, A. Scarlatti, J. S. Bach, J. G. Goldberg, W. A. Mozart und L. v. Beethoven, erschienen bei Avi-music

 

Juli 2017, Wolfram Quellmalz

Tip: Das Armida Quartett ist unter anderem im September bei den Musikfestspielen Mecklenburg-Vorpommern und am 3. Dezember im Leipziger Gewandhaus (dort mit Jörg Widmann und Werken von Mozart, Widmann und Weber) zu erleben.

Eine Konzertkritik zu den Dresdner Musikfestspielen finden Sie hier:

https://neuemusikalischeblaetter.wordpress.com/2017/06/09/casanova-trifft-mozart-triff-haydn-trifft/

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