Wie 1000 : 1

Orgel und Flöte beim Strehlener Orgelsommer

Das Zahlenverhältnis scheint vielleicht etwas ungleich: Den über 4000 Pfeifen der Jehmlich-Orgel in der Strehlener Christuskirche stand am Sonnabendabend nur eine Flöte gegenüber – doch sie wirkte bei weitem nicht verloren.

Vier der fünf vorgetragenen Werke blieben dennoch der Königin der Instrumente allein vorbehalten: Karl-Heinz Ludwig spielte Kompositionen von Otto Nikolai, Zoltán Kodály, Johann Gottfried Walter und Wolfgang Amadeus Mozart.

Otto Nikolai hatte für die 300. Jubiläumsfeier der Universität Königsberg (1844) eine Kirchliche Festouvertüre für Chor, Orchester und Orgel geschrieben, welche den Luther-Choral »Eine feste Burg ist unser Gott« aufgreift. Einige Jahre später verfaßte Franz Liszt die Orgelfassung, mit das Konzert begann. Feierlich und romantisch ließ der Organist Liszts Bearbeitung ertönen, welche den Choral mit wechselndem Ausdruck wiederholt. An Feinsinn fehlte es hier nicht, erwartungsgemäß war der Abschluß natürlich festlich.

Einen liturgischen Bezug gab es auch bei Zoltán Kodálys Missa ad lectam. Den sechs Messeteilen des Ordinariums ist ein Introitus vorangesetzt, wobei Kodály den Text in allen Teilen als bekannt voraussetzt und allein durch Orgelstimmen wiedergibt. Durch diese Konzentration erfährt das Werk eine emotionale Betonung, wobei sich Einzelstimmen und Baßbegleitung tatsächlich so klar heraushören ließen, daß man den Text im Geiste dazusetzen konnte. Karl-Heinz Ludwig gelang eine ergreifende Aufführung des beeindruckenden Werkes.

Der Gegensatz zum nachfolgenden Stück war trotz angemessener Pause groß. Johann Gottfried Walters Partita (im Sinne einer Variationsfolge) über den Choral »Jesus, meine Freude« begann beeindruckend schlicht – auch hier gab es eine dezidierte Betonung des Wortbezuges in der Instrumentalstimme. Die Variationen enthielten nicht nur Modulationen im Charakter, sondern beeindrucken mit Mehrstimmigkeit und Verzierungen, letztere vor allem in der die Choralmelodie begleitenden Stimme.

Und wie stand es mit 4000 : 1? In der Renaissancemusik findet man häufig die Bezeichnung »Flauto dolce«. Gemeint ist damit die Blockflöte (im Gegensatz zu Traversflöte), und von deren Süße konnte man sich einer Sonate G-Dur von Johann Sebastian Bach. Ausgewogen miteinander (Flöte: Maria Ludwig) berührte dieses leiseste Stück des Abends besonders, ohne den Eindruck eines Gegensatzes, etwa zu Kodály, hervorzurufen.

Wolfgang Amadeus Mozart, liest man manchmal, habe die Flöte gehaßt. Wir wissen heute, daß das nicht zutraf. Ebensowenig kann man sagen, er habe die Orgel gehaßt, auch wenn die Zahl der überlieferten Orgelwerke äußerst gering scheint – immerhin ist Mozart Hoforganist in Salzburg gewesen. Mit der Phantasie f-Moll beendete der Karl-Heinz Ludwig ein Konzert, das festliche und nachdenkliche Klänge einschloß.

Das nächstes Konzert der Reihe findet am 29. Juli statt. Hans Christian Martin (Weimar) wird dann Werke von Sigfrid Karg-Ehlert, Richard Wagner, Erwin Schulhoff und Louis Vierne spielen.

9. Juli 2017, Wolfram Quellmalz

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