Audiovisuelle Aktualität?

Stummfilm »Luther« von 1927 in neuer Fassung

wenig verwunderlich war die Ankündigung, den 1927 entstandenen Film »Luther – Ein Film der deutschen Reformation« neu zu vertonen, durchaus. Nicht, daß man zu alten Filmen keine neue Musik schreiben sollte, doch dieser war schon zur Entstehungszeit umstritten. Die zeitgenössische Kritik warf ihm vor, eine Luther-Legende abzubilden, der es an religiöser, moralischer und sozialer Wahrheit fehle. Als Zeitzeugnis kann der Film selbst Objekt der Aufarbeitung sein oder Teil der Auseinandersetzung mit der Person Martin Luthers werden – dies würde aber die Beteiligung von Historikern oder Religionswissenschaftlern erfordern.

Die Dresdner Musikfestspiele und ihr Partner Mitteldeutscher Rundfunkt beschränkten die Aufarbeitung auf das Auftragswerk der Musik und überließen sie dem Komponisten Sven Helbig sowie den Medienkünstlern Lillevan und Fernando Carmena. Uraufgeführt wurde das neue Werk am Sonnabend im Kulturpalast mit dem MDR Sinfonieorchester, dem MDR Rundfunkchor und seinem Chefdirigenten Kristjan Järvy.

Für Sven Helbig, Lillevan und Fernando Carmena stand das Medium des Films, dessen technische Aufbereitung und Präsentation im Vordergrund, wie die Künstler in Interviews und Begleittexten verrieten. Der Komponist wollte Nähe zu den Bildern in der damaligen Dramatik schaffen, nicht eine distancierte Position einnehmen, andererseits führte Eintauchen in und Erwachen aus den Bildern zu Reflexionen, ähnlich, als schaute man aus einem Roman auf, nehme seine Umgebung wahr und lese dann weiter. Fernando Carmena und Lillevan sorgten für die Zusammenfassung des Filmes zu einem Konzertformat und fügten digitale Effekte ein.

Das Sound-Werk beginnt mit elektronischen Geräuschen, vom Komponisten direkt eingespielt. Donner, Klirren, eine verfremdete Marimba. »Eine Reformation« heißt es doppeldeutig unbescheiden im Untertitel. Mit dem Film hebt der Chor, der mit Auszügen aus den Messe-Texten, Chorälen und Liedern wesentlich beiträgt, einen »Kyrie«-Gesang an. Er wechselt sich fortan mit Orchester und elektronische Einspielungen ab, auch stützen sich die drei Partner. Sven Helbigs Musik schafft Bezüge zur Geschichte der letzten 500 Jahre, allerdings erscheinen sie etwas beliebig, nicht zielgerichtet. Eine dezidierte Aufarbeitung? Wohl kaum. Mendelssohn schimmert hervor, das Allegro molto aus Haydns Cellokonzert Nr. 1 scheint aufzuflackern, manches regt an, paßt vermittelnd zu den Bildern, ohne deren historischen Wert grotesk zu überhöhen. Über weite Teile untermalt Helbig dabei das Geschehen, stellt Unwetter, Fieber und Ängste dar, schafft sphärisch Spannungen.

Im Laufe nehmen die elektronischen Passagen und Effekte zu, die Eingriffe und Verfremdungen des Filmmaterials werden deutlicher. Bilder überlagern sich, neue Blenden sorgen für Brechungen. Orchester und Chor schweigen plötzlich, der »Sound« wird geräuschhaft, endlos lang und unerträglich laut. Als Luther der Prozeß gemacht wird, klingt es nach Dampfkesseln, undichten Rohrleitung, schließlich Maschinengewehrschüssen…

Viel Effekt, manches mag anregen, doch steckt mehr dahinter als das Wollen, ein aktuelles Thema bei den Musikfestspielen aufzugreifen? So bleiben viele Fragen offen – ja, und?

4. Juni 2017, Wolfram Quellmalz

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