Klaviersalon des 19. Jahrhunderts

Pianist Niu Niu zu Gast auf Schloß Wackerbarth

Die Produktionshalle des Weingutes Schloß Wackerbarth war am Montagabend wieder Veranstaltungsort für einen Klavierabend, diesmal mit dem kaum zwanzigjährigen chinesischen Pianisten Niu Niu. Auf seinem Programm standen virtuose und elegante Werke der Salonmusik, wie sie von Johann Nepomuk Hummel, Frédéric Chopin oder Franz Liszt gespielt worden waren.

Auch Robert Schumann war für die Stücke entflammt, hatte Chopins Préludes begeistert gespielt. Dabei waren Schumann, Chopin oder Liszt längst nicht die winzigen, die sich den Gattungsformen der Nocturne, Scherzi, Impromptu oder Phantasien zuwandten. So wird die Erfindung des Nocturnes dem Iren John Field zugeschrieben. Charles Valentin Alkan, Eduard Napravnik oder Theodor Leschetizky bereicherten das Repertoire aber ebenso wie viele andere der neuen Klaviervirtuosen, die durch Europa reisten. Chopin war für viele von ihnen der Bezugspunkt, Kompositionsnahmen wie »un poco di Chopin« oder »Hommage à Chopin« keine Seltenheit. Werke, die man wiederentdecken kann, gäbe es also viele, doch leider hatte Niu Niu nicht eines davon in sein Programm aufgenommen, dabei dürfte der Student der Juilliard School viele kennen.

Mit zwei der Chopin’schen Nocturnes (Opus 48 / 1 und Opus 62 / 2) begann Niu Niu den Abend. Gleichmäßig, aber ein wenig gleichförmig, spielte er die Werke, nutzte Gewichtung und Modulation kaum, von einer dynamischen Zuspitzung zum Ende abgesehen. Auch der Beginn von Robert Schumanns Phantasie C-Dur (Opus 17) war vor allem im ersten Satz vom technischen Beherrschen geprägt, ein Fließen der Musik kam so zunächst nicht auf. Doch mit dem zweiten Satz hatte sich Niu Niu offenbar freigespielt, folgte nun dem energischen Gestus des Stückes und ließ seinen Flügel jubilieren. Zarte, leise Töne waren auf einmal da und vermittelten Salonatmosphäre (an einem Ort, der gar kein Salon war), Synkopen und Verrückungen der Rhythmik belebten das Werk spürbar. Von diesem Fluß profitierte auch der letzte Satz, wobei der Pianist allerdings nicht allzusehr Schumanns Anweisung »durchweg leise zu halten« folgte.

Chopin bereitete noch einmal den Eingang zum zweiten Konzertteil, nun mit den Impromptu Nr. 2 und 3. Auch hier gewann die Melodie an Fluß, kontrastierte der Baß.

Hauptwerk und Abschluß des Abends war die Sonate h-Moll von Franz Liszt, jenes vierteilige, eigenwillige, komplexe Solitär in der Klavierliteratur. Hier konnte man dem Pianisten die Gestaltungslust anmerken, mit der er Wildheit und Vehemenz formulierte, Strukturen offenbarte, Wendepunkt nutzte, um Spannung zu erzeugen, zum Beispiel eingangs des Finales. Dennoch glänzte das Werk vor allem da, wo es schnell, flink und virtuos aufflackern konnte, während das Differenzieren im Verhaltenen oder das Ausklingen von Passagen noch recht schlicht ausfiel und mancher Teil recht nüchtern verstummte.

In seine Zugaben nahm Niu Niu noch einmal Bezug auf wichtige Gattungsbeiträge: mit Franz Schuberts Impromptu Ges-Dur, Franz Liszts »La campagnella« und Chopins Walzer Opus 64 Nr. 1 beendete der Pianist sein Rezital.

30. Mai 2017, Wolfram Quellmalz

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