Schostakowitsch, die zwölfte

Dresdner Philharmonie macht Sinfonie zum Ereignis

Im Rahmen des Schostakowitsch-Beethoven-Projektes von Chefdirigent Michael Sanderling erklang am Wochenende die zwölfte Sinfonie Dmitri Schostakowitschs im Kulturpalast. Zuvor gab es jedoch Mozart. Mit dem d-Moll-Konzert (KV 466) bereitete das Orchester auf die epochale Sinfonie vor.

Geheimnisvoll, nicht frei von Düsternis ist Mozarts Werk. Es war das erste Klavierkonzert in Moll, nur noch einmal (KV 491, c-Moll) entfernte er sich von der Dur-Helligkeit. Dennoch steht Moll nicht für Dunkelheit an sich, erst recht nicht bei Mozart, die Werke werden häufig gerade mit den Gedanken des »Sturm und Drang« in Verbindung gebracht. In kleiner Besetzung nahm die Philharmonie das Konzert auf – wenig Vibrato, schlank, grazil beinahe, aber doch der romantisch bestimmten Orchestertradition verhaftet. So kratzig und aufgeweckt wie bei einem Originalklangensemble klingt es also nicht, wenn Michael Sanderling historisch informierte Einflüsse einbringt. Der elegante »Dresdner« Orchesterklang ist ihm wichtig, scharfe Effekte tragen daher vor allem die Blechbläser bei.

Herbert Schuch gehört zu jenen Pianisten, die weniger durch spektakuläre Auftritte als mit durchdachten Programmen und einer sinnreichen Interpretation auffallen. Schon ein Blick in seinen Aufnahmenkatalog und die Kombinationen dort (Schubert / Janáček, Schumann / Holliger / Ravel, Viktor Ullmann) belegen durchdachte Auseinandersetzung. Und selbst bei der Interpretation bekannter Mozartkonzerte oder der Auswahl der Kadenzen fehlt diese Handschrift nicht. Doppelbödig nimmt sie der Pianist in Angriff, wie ein Nocturne (3. Satz), findet mit dem Orchester ein gemeinsames Klangverständnis. Wunderschön, wie »ausgemalt«, gerät die Romance des zweiten Satzes.

Mit seiner Zugabe (Choralbearbeitung »Ich ruf‘ zu Dir, Herr Jesu Christ«, Bach / Busoni) schien Herbert Schuch bereits zu Schostakowitsch hinüberzeigen zu wollen: ruhig, in sich gekehrt (Besinnung im Chaos), doch die fragenden Akkorde des Schlusses wenden sich klar der Hoffnung zu.

Doch vor der Hoffnung stehen die Erfahrungen der Geschichte, der Revolution, der Personen. Schostakowitschs eigene Erfahrungen mit dem Leben, dem »Apparat« der Partei, haben ihn vieldeutig werden lassen. Verschlüsselt und ausweichend scheinen manche Werke oder mit doppelten Etiketten versehen – Titel sind eben austauschbar. Michael Sanderling und die Dresdner Philharmonie machen »Das Jahr 1917«, so der offizielle Titel der Sinfonie (ebenso d-Moll), zu einem Ereignis. Beklommen dämmert sie herauf, wird immer wieder angetrieben von sechs Schlagwerkern, leitet einen Satz aus dem vorhergehenden ab. Jagende Motive, grell aufpeitschende Flöten – diese Musik ist voller Effekte, und Michael Sanderling hat die Deutungshoheit. Er hebt subtile Schatten hervor oder verstärkt sie noch, wenn der Gesang der Celli nur ahnen läßt, was folgt, die hohen Streicher dann aber hoffnungsvoll einstimmen. Oder war es nur eine trügerische Traumsequenz? Trommeln unterbrechen – schon wieder – den Fluß. Brechungen sind unabdingbar mit Revolutionen verbunden, und so wird auch hier die Beklommenheit greifbar, wohingegen Momente der Verheißung stets trügerisch scheinen. Und dennoch erhebt sich etwas, ein Gedanke, ein Gebilde, unaufhaltsam, ein Monument, in Musik gegossen – gewaltig, unglaublich!

29. Mai 2017, Wolfram Quellmalz

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