Schostakowitschs Ironie und Wagners Parfüm

Orchester des Mariinsky-Theaters im Dresdner Kulturpalast

Valery Gergiev gilt als einer der besten Dirigenten weltweit. Derzeit ist er als Generalmusikdirektor bzw. künstlerischer Leiter sowohl den Münchner Philharmonikern als auch dem Orchester des Mariinsky-Theaters verbunden. Mit den letztgenannten Musikern gab er am zweiten Abend der Musikfestspiele ein Gastkonzert im Kulturpalast.

Dmitri Schostakowitschs fünfte Sinfonie gehört zu den beeindruckendsten Werken des Komponisten und kann kaum ohne Bezug auf dessen Lebenssituation und die Bedrohung durch das Stalin-Regimes gesehen bzw. gehört werden. Michael Sanderling brachte sie eindrucksvoll zu seinem Amtsantritt bei der Philharmonie (noch im Albertinum) zur Aufführung. Formal mag man im Opus 47 Anklänge an gutgelaunte Volkstümlichkeit entdecken, auch ein wenig Melancholie, tatsächlich ist sie doppelbödig und hintergründig wie so vieles in Schostakowitschs Œuvre. Schon die Grundierung im ersten Satz enthält kühle Düsternis, über die sich eine vermeintliche Elegie erhebt, immer wieder blitzt versteckte Ironie durch oder Schostakowitsch persifliert, so daß man beinahe von boshaftem Witz sprechen kann.

Valery Gergiev und sein Orchester bezogen aus diesen Gegensätzen eine ungeheure Spannung, hoben die Konturen von Wendungen hervor, ohne eine übermäßige Kontrastschärfe des Beeindruckens zu bemühen. Über stets glimmender Bedrohung schwebte ein freier Lebensgedanke in Form einer musikalischen Phantasie, während die Heiterkeit als gewollt aufgesetzt bis zum martialischen Marsch vorgeführt wurde. Gergiev legte eine flächige Grundstimmung an, die punktiert bedrängend in jeden Winkel des Raumes strahlte, Motive von Flöte oder Violine erhoben sich darüber. Als sich Klavier und Posaunen einmischten, schien es, als sei im dunklen Untergrund etwas Bedrohliches erwacht. So fragte man sich schließlich beim Klang der Celesta, ob dies nun Zauber oder böser Spuk sei.

Nach der Pause ein großer Schwenk: jetzt lagen Opernauszüge auf den Pulten des Theaterorchesters – Richard Wagner, auf den den Intellekt fordernden Schostakowitsch folgte der suggestive Verführer. Mit dem »Karfreitagszauber« aus »Parsifal« hoben zunächst larmoyante Violinen ihren Gesang an, doch sogleich ließ Gergiev den Betörer in Wagner frei, der Motive und Instrumente zu kombinieren und zu verweben wußte. Das ließ sich mit dem Orchester auf der Bühne einmal ganz hervorragend verfolgen – sonst, mit den Musikern im Orchestergraben, ist es so nicht möglich. Das Fesseln und Entfesseln wurde im neuen Konzertsaal zu einer elementaren Erfahrung. Die Tragik war in »Siegfrieds Trauermarsch« geradezu greifbar, das Schicksal in Akkordschlägen spürbar, ohne daß es erst gedeutet werden mußte. Nach drei Instrumentalmusiken (vor dem Trauermarsch war auch »Siegfrieds Rheinfahrt« erklungen) betrat schließlich Eva-Marie Westbroek die Bühne für den »Schlußgesang der Brünnhilde« (»Götterdämmerung«). Kraftvoll, heroisch und irrsinnig liebend ließ sie ihren Sopran anschwellen. Wenngleich es schwierig war, ihrem Text zu folgen, beeindruckte sie gerade in dramaturgischer Hinsicht. Selbst das „t“ in „Gott“ hatte einen theatralen Effekt, ebenso wie es Westbroek versteht, tiefes Atemholen als Gestaltungsmittel einzusetzen.

221 Mai 2017, Wolfram Quellmalz

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