In sich ruhender Pianist

Klavierabend mit Arcadi Volodos im Gewandhaus zu Leipzig

Nur ein Lichtschimmer erhellte den Großen Saal des Gewandhauses am Mittwochabend, der Pianist saß auf einer fast dunklen Bühne unter einem einzelnen Scheinwerfer – auch der nicht besonders hell. Doch war diese Stimmung nicht mit Düsternis, sondern Ruhe gleichzusetzen, mit Konzentration, Lauschen. Lauschen – entzückt, andächtig, gespannt – konnte man in diesem Klavierrezital viel.

Arcadi Volodos hatte zunächst zwei Zyklen aufs Programm gesetzt: Robert Schumanns »Papillons« und Johannes Brahms‘ Klavierstücke Opus 76 (diese sind auf der eben erschienenen CD des Pianisten enthalten, unsere Rezension finden Sie hier: https://neuemusikalischeblaetter.wordpress.com/2017/05/21/sinnierender-brahms/).

Schumanns »Schmetterlinge« illustrierte Arcadi Volodos als ausgeprägte Charakterstücke. Gleich in den ersten der durch die Lektüre des Jean-Paul-Romans »Flegeljahre« angeregten Stücke schien es, als ließe Arcadi Volodos die zarten Geschöpfe frei, die bunt umherflatterten, hüpften, tollten. Zwischen großer Ausgelassenheit (Walzer) und zarter Bedachtsamkeit balancierte Volodos, zeichnete zauberische Polonaisen. Dabei kettete der Pianist die Stücke sinnig zusammen, fand gleitende Übergänge, arbeitete Kontraste dennoch um so schärfer heraus. Sei Flügel klang dabei, als käme die Musik weit aus der Ferne…

Besonders in den Piano-Passagen bewies  Arcadi Volodos eine große Meisterschaft darin, Schattierungen zu zeichnen und selbst im Leisesten noch Unterscheidungen zu finden. Das Figurenkarrussel der Papillons blieb dabei so treibend, als säße man im Varieté. Mit dem Duett der beiden Stimmen im Finale fand dies einen charmanten Schluß.

Strömend, flutend ergossen sich Johannes Brahms Klavierstücke in den Saal. Wie Volodos das erste Capriccio zu einem verhaltenen Perlen beruhigt, war verblüffend stringent und frei von jedem Bruch oder gar unangemessener Spannung. Das Intermezzo. Grazioso erklang, als sei es ein Traum… Der Pianist nutzte die gesamte dynamische Palette, wurde in den abschließenden Stücken erneut heftig, stürmisch gar – und blieb dennoch authentisch, denn nichts schien überspitzt, sondern verriet eine individuelle Lesart.

Diese ließ Arcadi Volodos auch Franz Schuberts Sonate A-Dur (D 959) angedeihen. Ja, seinen zupackenden Ansatz hat er sich erhalten. Von Beginn färbte er das Stück dramatisch, spitzte es zu, gleichwohl fand die Sonate wieder zur Ruhe. Volodos‘ Farben reichen von kräftig und deckend bis luzide und transparent. Das Andantino erklang, als sei es ein Spaziergang durch Paris (oder Madrid), mit einem singenden Thema über dem schwebenden Baß… Schließlich verjagte Volodos jede mögliche Düsternis – ganz unmißverständlich und packend.

Von so viel Deutungskraft ließ sich das lauschende Publikum sehr begeistern – fünf Zugaben. Mit Brahms, Albéniz und dem flüchtigen zweiten Prélude Alexander Skrjabins sagte Arcadi Volodos fürs erste »Adé«. Hoffentlich nur für kurze Zeit!

25. Mai 2017, Wolfram Quellmalz

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