In Musik gegossene Poesie

Jan Lisiecki und das London Philharmonic Orchestra bei den Dresdner Musikfestspielen

Vor zwei Jahren feierte Jan Lisiecki mit Edvard Griegs Klavierkonzert sein Debut bei den Dresdner Musikfestspielen, damals mit dem Philadelphia Orchestra unter Yannick Nézet-Séguin. Mit der Staatskapelle war er gerade auf Gastspielreise (Mozart) und kommt in der nächsten Spielzeit wieder (Schumann). Jetzt war er mit dem London Philharmonic Orchestra im Kulturpalast zu erleben.

Frédéric Chopin gehört nicht nur zu den wichtigsten Komponisten im Programm Jan Lisieckis, er ist wohl der wichtigste Komponist für den jungen Pianisten. Kein Wunder, daß ihm das e-Moll Konzert des Quasi-Landsmannes (Lisiecki ist in Kanada geboren, hat aber polnische Eltern) förmlich aus dem Flügel zu fließen schien. Dirigent Vladimir Jurowski nahm das Werk zügig in Angriff und ließ keinen Moment elegische Sentimentalität aufkommen. Die weite Einleitung, die auf den Einsatz des Solisten vorbereiten soll (und leider manchmal abgekürzt wird) gelang seinem Orchester schon wie aus einem Guß, strömend, mit malerischen Bläserfarben. In diesem Duktus fanden Solist und Dirigent ihre gemeinsame Sprache: zupackend und vorantreibend einerseits, dem Werk aber Freiraum lassend andererseits, Gegenthemen zeichneten beide sacht. Dies gelang vor allem deshalb, weil hier keine Themen aufeinanderprallten, sondern Vladimir Jurowski diese Überleitungen ausgestaltete – auch seine Streicher konnten hauchen. Und das war gut so, denn Jan Lisiecki erwies sich trotz allen Zupackens als wahrer Poet am Klavier. Zauberisch gestaltete er die Romanze, ließ den Steinway perlen, als läuteten Abendglocken, während das Orchester jenes von Chopin gedachte Firmament beschwor. Anschmiegsam und sinnlich umschlossen sich Solist und Orchester, ließen im Rondeau eine tänzerische Seele frei.

Wer mit so viel Kennerschaft in das Œuvre eines Komponisten vertieft ist, kann als Zugabe weit mehr bieten als das Nocturne cis-Moll, das »Regentropfen-Prélude« oder Opus 10 Nr. 1. Jan Lisiecki verabschiedete sein Publikum mit einem anderen Nocturne in die Pause: dem wandlungsvollen Opus 48, Nr. 1, in dem er erzählerische Tiefe, Erregung und Stille fand. Sollten die Konzerte mit der Sächsischen Staatskapelle im Juli 2018 wirklich erst die nächsten sein, zu denen wir den Pianisten in Dresden erleben dürfen?

Daß sein Orchester einen besonders feinen Umgang mit Farben beherrscht, hatte Vladimir Jurowski schon zu Beginn bewiesen. Michail Glinkas »Walzer-Phantasie« h-Moll gehört wohl zu dem, was wiederum Jurowski seit frühester Kindheit geprägt hat – die russische (und sowjetische) Musik. Doch die überbordende Klangfülle der späteren Komponisten stellte der Dirigent hier nicht heraus. Vielmehr die Leichtigkeit und Fröhlichkeit eines Festes, auf dem es auch volkstümlich zugehen durfte. Herrlich, wie die Klarinetten aufspielten, als hätten ein paar Wiener Austauschmusiker einen Ländler eingeschmuggelt! Die Phantasie war ein Rausch ohne Tumult, erinnerte eher an einen Frühlingswalzer.

Nach so viel Feinheit und Nuancierung stand Gustav Mahler auf der zweiten Programmhälfte, allerdings seine vierte Sinfonie, also die vermeintlich »hellste«. Das London Philharmonic Orchestra entführt vom ersten Takt an in eine andere Welt, jene – Schellen und Modulation erinnerten daran – von Mahlers Wunderhorn-Liedern. Die Textsammlung hatte auch die Sinfonie wesentlich geprägt, im vierten Satz greift Mahler das Gedicht »Wir genießen die himmlischen Freuden« auf.

Unter Vladimir Jurowski Händen entwickelte sich das Werk zu einem dichten, funkelnden Tongemälde, in dem Groteske ebenso blitzt wie fröhlicher Spuk. Im Ruhepunkt des dritten Satzes fand der Dirigent eine Umkehr der Sinfonie – von hier ging es nach vorrübergehend ruhigem Fluß (aber nie nachlassender Spannung) ins Finale. Sopranistin Sofia Fomina beschloß den Abend noch einmal poetisch mit ihrer Textinterpretation und feiner Betonung, so daß die Vielschichtigkeit des Werkes herausgestellt wurde.

23. Mai 2017, Wolfram Quellmalz

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