Sinnierender Brahms

CD des Monats: Arcadi Volodos

Zupackend, mit kräftigen Klangfarben, aber auch höchst differenziert in den Schattierungen, so zeigte sich Arcadi Volodos in der Vergangenheit. Im Rahmen eines Wiener Recitals vor wenigen Jahren offenbarte er in Franz Liszts Sonate h-Moll zum Beispiel unerhörte Tiefen und stellte die Interpretation eines Kollegen wenige Tage zuvor nicht nur in den Schatten, sondern bloß. Manch einem war sein Zugriff bei Schubert jedoch zu wenig sensibel, trotz aller lyrischen Gewogenheit. Seine CD mit dem Fragment D 157, der Sonate D 894 und einer Liszt-Bearbeitung (»Der Müller und der Bach«) von 2001 (Sony)  erfreut dennoch mit jugendlicher Frische und einnehmender Sinnlichkeit.

Zuletzt war Volodos, der im und Abseits des Konzertbetrieb dem Trubel zu entkommen sucht, nach Madrid »geflohen«. Seine letzte Aufnahme mit Stücken Frederic Mompous (»Volodos plays Mompou«, ebenfalls Sony) zeugte bereits von einer neuen Gelassenheit. Subtile Melancholie und pastellene Klangfarben erschienen hier flüchtig wie ein zartes, von Schleiern verhülltes Bild.

Nun aber hat sich Arcadi Volodos nach gut vier Jahren wieder ins Studio begeben – mit Brahms. Und er hat nicht eine dessen Sonaten aufgenommen, keinen Zyklus, sondern Klavierminiaturen. Neben den Opus 76 sind Opus 117 und 118 enthalten, die letzten Klavierwerke des Komponisten.

Arcadi Volodos präsentiert sich hier nicht als verschlossener Grübler, sondern als offener, lächelnder und gelassener Betrachter. Brahms, der zurückblickt, sich erinnert, mit Wehmut wie mit Freude gleichermaßen – das Glück der Erinnerung.

Noch mehr als bei seiner Aufnahme der Mompou-Werke ist diese CD von der Ruhe getragen. Das Intermezzo Es-Dur (Opus 117) enthält die Kraft der Besinnung, scheint Gedanken zwischen dem wiegenden Anfang und Ende einzuschließen, als hielten zwei schützende Hände etwas Kostbares. Auch das darauffolgende Intermezzo (b-Moll) strahlt eine große Ruhe aus. Nicht zuletzt, weil »Anschlag« hier ein sanftes berühren der Tasten bedeutet, ebenso läßt Volodos den Komponisten ausreden. Nicht zuletzt verwendet der Pianist keinen neuen, sondern einen seit vielen Jahren eingespielten Flügel – neuere, verrät Volodos im Beiheft, seien oft zu brillant und aggressiv. Was in vielen Konzerten (und vor allem bei jungen Pianisten) oft zu kurz kommt – die Schlußphrase – dem wird hier das Maß eines Ausatmens und Besinnens gewährt, bevor das nächste Stück erklingt.

Düster dräuend beginnt das Capriccio fis-Moll am Beginn der CD, doch schon hier zeigt sich, daß Volodos seine Fähigkeit der Farbschattierungen nicht abgelegt hat – Hoffnung gibt es nicht nur, hier schimmert sie. Das Capriccio h-Moll beginnt hüpfend, als sei es getupft, und schließt doch eine Nachdenklichkeit ein, als säße Brahms, aufs Kinn gestützt, sinnierend am Flügel…

Es sind beglückende Momente, wenn Arcadi Volodos Brahms‘ Musik schweben läßt. Er versetzt seine Zuhörer in die Stimmung eines Salons bei Sonnenuntergang oder in eine sommerliche Gartenlaube. Silbrig perlend und hüpfend geht es dort zu (Intermezzo cis-Moll, Opus 117), aber auch dämmrig.

Überwiegend leise, geschmeidige Werke hat Brahms in seinen »Klavierstücken« zusammengefaßt. Sie werden aber immer wieder aufgelockert und angeregt, wie vom zweiten Intermezzo aus Opus 74 mit seiner punktieren Dynamik, dem Intermezzo a-Moll (Opus 118) oder der Ballade Opus 118 Nr. 3, die Brahms‘ rhapsodische Erzählkunst offenbart. Arcadi Volodos fügt seinem Vermögen der Farbgestaltung und des Schattierens hier noch die Feinheit der Artikulation hinzu. Die Aufnahme schließt mit einem Nachstück, dem Intermezzo es-Moll, das Arcadi Volodos noch einmal bis zum letzten Ton ausgekostet. So gewährter seinen Zuhörern, was er bei Brahms selbst empfindet: einen unmittelbaren Zugang zur Seele.

Arcadi Volodos gehört zu jenen Künstlern, denen ein sich-treu-bleiben die Veränderung oder Entwicklung nicht verschließt. Man darf also gespannt sein, wie sein Schubert heute klingt – am 24. Mai ist der Pianist mit Werken Robert Schumanns, Johannes Brahms‘ und Franz Schuberts im Gewandhaus zu Leipzig zu erleben.

21. Mai 2017, Wolfram Quellmalz

CD-Tip: »Volodos plays Brahms«, Sony classical

Veranstaltungstip: https://www.gewandhausorchester.de/spielplan/q/Volodos/

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s