Das kleine Mutantlein

Dresdner Hochschule für Musik inszeniert Leoš Janáček

Auslöser für den Komponisten war die Zeichentrickserie Stanislav Loleks in der damaligen Tageszeitung. Heldin dort war eine Füchsin, die ebenso menschliche wie tierische Eigenschaften hatte. Ihre Figur inspirierte Leoš Janáček zu seiner Oper »Das schlaue Füchslein«. Hauptperson dort ist es die Füchsin »Schlaukopf« (ursprünglich »Schnellfuß«), welche die Klischees über den Fuchs aufnimmt, übertreibt, persifliert – der Fuchs, dem man positive(Schlauheit) wie negative (Hinterhältigkeit) Eigenschaften gleichermaßen nachsagt.

DAS STÜCK

Erzählt wird das Leben einer Füchsin in Szenenbildern. Der Förster nimmt sie gefangen und bringt sie nach Hause, damit seine Kinder mit ihr spielen können. Sie sorgt aber auch für gehöriges Durcheinander, als sie zum Beispiel die Hennen gegen den eitlen Hahn aufstachelt. Die Füchsin entflieht im Tumult, kommt in einem Dachsbau unter – und setzt den Hausherrn vor die Tür. Mit einem Fuchs hat sie zahlreiche Nachkommen und sinniert, wie viele es seien und wie viele noch kommen werden. Nicht mehr viele – der Landstreicher erschießt die Füchsin, an ihre Stelle tritt eine andere. Es ist die Tochter der Füchsin, die ihrer Mutter gleicht.

Bei Janáček treffen Tiere und Menschen als erzählende und handelnde Figuren aufeinander. So gibt es – ganz klassisch – neben dem Förster und seiner Frau sowie dem Landstreicher auch einen Schulmeister und einen Pfarrer. Alle sind sie auf der Suche nach der Liebe, sie sinnieren über das Leben und den Kreislauf der Natur. Und einst waren sie alle in das gleiche Mädchen verliebt…

DIE INSZENIERUNG

Opernklassenleiterin Barbara Beyer hat die Handlung in eine trostlose Zukunft verlegt. Statt Füchsen und anderen Tieren gibt es hier Mutanten, silbrig grau angezogene und geschminkte Wesen (Kostüme: Jakob Ripp). Beyer beginnt schon vor der Ouvertüre mit einem Brand des bürgerlichen Haushalts (Video: David Campesino), bevor sich das Tableau einer tristen, endzeitlichen Wüste auftut (Bühne: Valentin Reichert). Hier springen, hüpfen und singen die Mutanten oder erinnern wankend an Zombies aus billigen Splatterfilmen. Der Förster (in Kostüm und Ausrüstung erstaunlich traditionell) fängt einen von ihnen (»Spitzohr«) ein und nimmt ihn zur Belustigung der Kinder mit – pathologische Abweichung als Amüsement? Vor dem Hintergrund des Ursprungsgedankens Natur-Kreislauf und aktuellen Entwicklungen bzw. Prognosen ist dieser Ansatz zunächst nachvollziehbar und es ließe sich vortrefflich damit »spielen«. Allerdings nimmt ihm die Regisseurin die Glaubhaftigkeit durch allzu dicht aufeinanderfolgende Einfälle  – vieles verpufft oder scheint nur unreflektiert auf den Effekt zu zielen. Die Bezüge dazwischen sind so beliebig wie austauschbar – man kann sie auch weglassen. Wie die Videoeinspielungen im Hintergrund, die weder ergänzen noch erläutern. Sie enthalten kaum Bereicherung, eher Brüche, ohne sich auf die Handlung zu beziehen. So wird eine Anfangssequenz aus Stanley Kubricks »2001 – Odyssee im Weltraum« eingeblendet. Im Original hört man dazu Strauss (»Also sprach Zarathustra«) – und nun?

Den Kreislauf der Natur deutet Beyer in Apokalypse und Neuanfang, einen Neuanfang mit genetisch degenerierten Geschöpfen – oder war es umgekehrt? Der Atomschlag jedenfalls erfolgt bei Beyer kurz vor Ende des Stücks, da waren die Mutanten aber schon da. Und während eine Tanzshow vor dem Glitzervorhang noch als Folie der Erinnerungen von Förster (Nikolaus Nitzsche), Schulmeister (Seongsoo Ryu) und Pfarrer (Minhong An) bestens funktioniert, wirken die Pokémon-Mutanten nur ein wenig weniger kitschig als die Hochzeitstorte kurze Zeit später.

DIE AUFFÜHRUNG

Doch trotz solch aufgeklebter und -gesetzter Bilder ergeben sich die Szenen mitunter recht kurzweilig. Getrennt durch Blenden (Vorhang) erinnern sie an die Bilder des Zeichentricks, wie sie Janáček als Vorlage gedient haben mögen. Im Spiel beleben die Studenten die Bühne, während aus dem Orchestergraben (musikalische Leitung: Franz Brochhagen) die Musik als Spiegel des Sprachduktus‘ erklingt und auch einmal alle in gesungenen Vocalisen zusammenfinden.

So erlebt der Zuschauer lebendige knapp eineinhalb Stunden, auch wenn manche unbeabsichtigte Fragezeichen auftauchen mögen. Ein Höhepunkt der Show ist die Tanzeinlage des Schulmeisters (genial: Seongsoo Ryu). Nikolaus Nitzsches Förster stolpert durch seinen Wald und ist wohl nicht mehr sicher, woran er ist – die Pilze am Ende scheinen jedenfalls höchst verdächtig. Viel sicherer ist es da, sich mit Pfarrer oder Landstreicher (Kwanghee Choi) an die Vergangenheit zu erinnern. Als treibende Kraft und völlig unbeeindruckt von den Umständen präsentieren Qing Wang und Seulki Jang das Mutanten- (also Fuchs-)Paar – bravo!

Musikalisch und darstellerisch beeindruckt das »Füchslein« durchaus und könnte auch jüngere Opernneulinge mitreißen (es wird deutsch nach der Übersetzung Peter Hintzes gesungen) – wäre doch der Mutantenansatz konsequent und unverkitscht zu Ende gedacht. Franz Brochhagen als Koordinator macht vor allem die Musik als Erlebnis erfahrbar. Auch die Abstimmung der Rollen auf der Bühne ist nicht nur makellos, sondern verrät und vermittelt Spielfreude. Schließlich gilt nach wie vor: Auch Oper ist Theater.

16. Mai 2017, Wolfram Quellmalz

Leoš Janáček »Das schlaue Füchslein«, Koproduktion der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden mit der Hochschule für Bildende Künste Dresden und dem Staatsschauspiel Dresden

zu erleben am Kleinen Haus am 21., 24., 29. und 31. Mai sowie am 6. und 10. Juni

 

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