Langer, süßer Atem

Bejun Mehta schließt seine beeindruckende Residenz bei der Dresdner Philharmonie ab

Am Sonnabend und noch einmal morgen, Montag (8.), war bzw. ist Bejun Mehta mit Musikern der Dresdner Philharmonie zu erleben. Händel und Mozart waren bisher wichtige Bausteine seiner Programme, doch einförmig gerieten diese nie. Auch in der Schloßkapelle ergänzte der Countertenor sein Programm um Johann Christoph Bach und ein Werk (vermutlich) Melchior Hoffmanns.

Mit Händel begann Mehta den Abend. »Siete rose rugiadose« (»taubesetzte Rosen«) ist eine zarte Liebesarie, die sich ganz auf die Altstimme und eine Basso-continuo-Begleitung konzentriert und eine schlichte Einleitung zur Kantate »Mi palpita il cor« (»Mir schlägt das Herz«, so lautete auch der Programmtitel) war. Warm und süß ließ Bejun Mehta den Gesang verströmen, wozu ihm Flötistin MareikeThrun eine ideale Duopartnerin war, die in Wärme, Sanftheit und Farbgebung Mehtas Stimme folgte. Händels Kantate ist, italienisch beeinflußt, voller Koloraturen schon im Arioso, was den Sänger aber nicht zu oberflächlicher Brillanz verführte. Im Gegenteil betörte die Süße und Geschmeidigkeit, mit der er durch den Abend »glitt«, die sein Fundament waren, Stimmungen zu erzeugen und Affekte zu erzielen, Feuer (zweite Arie in »Mi palpita…«) zu entfachen oder Spitzentöne hervorzuzaubern.

Ganz italienisch wurde es mit Alessandro Scarlattis »Perchè, regolati concenti?« (»Warum schweiget ihr, geordnete Harmonien?«), mit zwei Violinen als Partnern des Sängers. Die Philharmonie stellte sich ganz auf ihn ein, spürte zurück in die Zeit, schmückte nicht nur mit musikalischen Girlanden, sondern vor allem mit berückender Schlichtheit. So geriet »Dormi, mà sappi…« zum innigen Lied – nein, kein Schlaflied, der Sänger zürnt der Schlummernden, die ihn nicht bemerkt! Frappierend war (erneut), mit wie wenig Mitteln, mit keinem spürbaren Aufwand, Mehta Sinnlichkeit zu entfalten vermag.

Ebenso berührend war ein Lamento des älteren Bach-Bruders Johann Christoph. »Ach, daß ich Wasser g’nug hätte«, das für eine vor allem von Violen getragene Altstimme geschrieben ist, erblühte als musikalischer Seufzer, entbehrte aber weder im Gesang noch in der Begleitung (mit Kontrabaß) eines kernigen Zupackens oder einer wohldosierten Süße – niemals klebrig, niemals zu viel.

Daß Philharmoniker auch heute noch die Instrumente wechseln können, wenn es denn notwendig und sinnvoll ist, bewies Johannes Pfeiffer (eigentlich Oboe) in der Kantate »Schlage doch, gewünschte Stunde«, der hier die beiden Glöckchen übernahm. Der Komponist – nicht endgültig geklärt ist, ob es Johann Sebastian Bach, Melchior Hoffmann oder ein anderer war – hat hier die Süße (der Todesstunde) dem Werk schon eingepflanzt. Mit Bejun Mehta gewann es seelische Sinnlichkeit vor der gedanklichen Vertiefung – wunderbar!

Mit »Yet can I hear that dulcet lay« Georg Friedrich Händels gestalteten Bejun Mehta und die Philharmonie den Abschluß als musikalischen Sonnenuntergang. Einzig nicht ganz glücklich erschien an diesem Abend das aufgeteilte Concerto grosso Georg Friedrich Händels, dessen Sätze zwischen den gesungenen Werken gespielt wurden. Von ihrem abrupten Ende war das Publikum zunächst überrascht. Als notwendige Atempause verständlich, hätte man hier vielleicht kleine, ungeteilte Werke einfügen können.

7. Mai 2017, Wolfram Quellmalz

Tip: Bejun Mehta und die Dresdner Philharmonie sind noch einmal mit dem Programm »Mir klopft das Herz« am Montag, 20:00 Uhr, in der Dresdner Schloßkapelle zu erleben.

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