Nachtstücke und erfrischende Oktette

8. Kammerabend des Tonkünstlervereines

Die Musiker der Sächsischen Staatskapelle Dresden boten zu ihrem letzten normalen Kammerabend der Spielzeit am Montag wieder einmal viele Beteiligte auf. An Stücke, die mit Cellisten, Harfe und Sopran besetzt waren, schlossen sich zwei große Oktette an.

Der musikalische Ausflug begann mit der »Musica notturna a cinque« für vier Violoncelli (Aleisha Verner, Friedwart Christian Dittmann, Matthias Wilde und Titus Maak) und Harfe (Astrid von Brück). Zu Akkorden der Harfe, Sternenblinken gleich, schafften die Celli eine Nachstimmung, schattierten. Doch unversehens belebte sich das Stück, schloß erregte Ausrufe ein, Fetzen Tanzrhythmen, als sei alles ein Traum, in den – von ferne – die Musik eines Lokales ins Ohr des Träumenden dringt. Damit verwies das Stück schon einmal auf den später noch folgenden Jörg Widmann, der des öfteren den Klang von Traum und Fieber in seine Kompositionen einschließt.

Zuvor jedoch gehörte das Ohrenmerk drei Liedern. Sopranistin Valda Wilson sang »Ich atmet‘ einen linden Duft« und »Liebst du um Schönheit« von Gustav Mahler – diesmal in Begleitung der Harfe. Jene, noch um vieles zarter als ein Klavier und von Astrid von Brück mit feinem Klang gezeichnet, wirkte gleichsam wie eine Schattierung des Gesangs. Valda Wilson schien über dieser Grundierung zu schweben, emphatisch und expressiv gestaltete sie die Texte und steigerte sich anschließend noch einmal beachtlich bei Hans Werner Henzes Kantate »Being Beauteuos« (für Sopran, Harfe und vier Violoncelli) der Vertonung eines Textes von Arthur Rimbaud. So expressiv und surrealistisch wie dessen Gedicht »XXX« ist auch Henzes musikalische Deutung. Von extremen Tonsprüngen und melismatischen Vocalisen begleitet, hat der Komponist eine moderne, aber ungeheuer sinnliche Klangsprache gefunden. Einziges Manko war die dem Ausdruck vollkommen untergeordnete Artikulation der Sopranistin. Während es bei Mahler schon schwer war, sie zu verstehen, konnte man ihr bei Henze selbst lesend kaum folgen.

Mit Jörg Widmanns spiegelbildlich aufgebautem Oktett für Klarinette (Wolfram Große), Horn (Robert Langbein), Fagott (Joachim Hans), zwei Violinen (Matthias Wollong und Jörg Faßmann), Viola (Sebastian Herbig), Violoncello (Norbert Anger) und Kontrabaß (Andreas Wylezol) erreichte der Abend den wohl spannendsten Teil – wenn auch nicht den zugänglichsten. Den Musikern forderte das Stück einiges ab, weshalb sie sich sicherheitshalber von Johannes Wulff-Woesten leiten ließen. Franz Schuberts Oktett hat Widmann ausdrücklich nur als Ausgangspunkt genutzt. Als »Kern« und Auslöser – Motive oder Themen kehren nur versteckt und verzerrt wieder und sollen auch gar nicht unbedingt erkannt werden. Mit harmonischen Akkorden beginnend, scheinen diese sofort zu entgleiten, werden aber gleichzeitig melodisch angereichert. Immer wieder arbeitet Widmann mit Verfremdungseffekten, schärft Kontraste, in dem er einzelne Instrumente ungewöhnlich heraushebt. So pointiert der Kontrabaß mit Bogenvibrato, während das Horn die meiste Zeit über eingebettet bleibt und sich mit seinen Ruf nur selten hervorzuheben hat. Der zweite Satz scheint eher wie die Persiflage einer Jagdszene. Voll innerer Erregung gestalteten die acht Musiker das expressive Stück, das sich am Ende wieder auflöst, in der musikalischen Dämmerung zu verflüchtigen scheint.

Das letzte Wort gehörte einem anderen Oktett, wieder einmal Jean Françaix. Melodiös verspielt beginnt sein Werk, verschattet, als sei es ein weiteres Nocturne, doch schon mit dem zweiten Satz gewann jene Françaix-typische Launigkeit die Oberhand, Rhythmen und Farben. Im letzten Satz, einer Variation von Walzern, spielt der Komponist mehr mit der Musik, als daß diese als tanzbar zu verstehen wäre.

Wieder einmal ein bereichernder Abend – Kammermusik bietet weit mehr als nur die bekannten Quartette.

2. Mai 2017, Wolfram Quellmalz

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s