Julia – die Göttliche!

Kammerorchester Basel und Julia Lezhneva zu Gast in der Dresdner Frauenkirche

Der Titel »Große Stimmen« faßt die Veranstaltungsreihe nur unzureichend zusammen – es gibt Stimmen, die sind schlicht größer, göttlicher! Julia Lezhneva gehört dazu. Am Sonnabend des langen Wochenendes präsentierte sie mit dem Kammerorchester Basel einen Ausschnitt ihrer aktuellen CD.

Die möglichen musikalischen Entdeckungen im Barockzeitalter scheinen schier unbegrenzt – wer nur sucht (und versteht), weiß erstaunliches zu heben. Alessandro Scarlatti, Georg Friedrich Händel oder Giovanni Battista Pergolesi sind uns als Opernkomponisten geläufig, von den Brüder Graun sind dagegen vor allem die Konzerte bekannt. Weit gefehlt – auch am Hof Friedrichs II. wurde der Oper gehuldigt. Und: Er bevorzugte dabei weibliche Soprane statt Kastraten. Ein Auswahl Arien aus Opern Carl Heinrich Grauns ließ Julia Lezhneva nun in den Raum der Dresdner Frauenkirche perlen, mit beseeltem Vibrato und schier unglaublichen Koloraturen bereichert. Dabei verstand sie es, dem Gesang Leben und Seele buchstäblich einzuhauchen – entzückend! Gleichwohl war es ihr ein leichtes, den Wandel der Szenen zu beleben. Häufig wechseln Ausdruck und Stimmung in den Strophen, wie in »Senza di te« aus der Oper »Coriolano«: Hier wandelt sich Volumina von der bittenden, klagenden Mutter zur aufrecht zürnenden, die ihren Sohn schließlich umzustimmen vermag. Nur kurze Zeit später schlüpfte Julia Lezhneva in die Rolle der Rossane (Händel / »Alessandro«), die über den Singvogel sinniert, dem sein goldener Käfig lieber scheint als die Freiheit und darüber, daß er (der Vogel) seinem Herrn noch teurer scheint, wenn er wieder zurückkehrt – das »Goldkehlchen« ist gleichwohl die Sopranistin selbst, und man kann nur hoffen, daß sie wiederkehren wird!

Ob mit Schluchzern oder Jauchzen angereichert – Julia Lezhnevas Sopran ist der Inbegriff dessen, das die Seele seiner Zuhörer zu ergreifen vermag. Jeder Ton und jede Geste wirkt hier natürlich, perlend, glitzernd, nicht aufgesetzt. Dabei betört sie in hohen Lagen ebenso, wie sie in dunkleren goldig schimmernde Töne verströmt. Das gelingt ihr nach abrupten Wechseln ebenso wie – ganz ohne Einleitung – am Beginn einer Arie, wie in Carl Heinrich Grauns »A tanti pianti« (»Armida«), die vom ersten Ton berührt.

Mit brillanten Koloraturen schloß Julia Lezhneva ihr offizielles Programm ab, mußte aber – nach zahlreichen »Brava« noch zweimal nachlegen: mit einem Auszug ihrer neuen CD und Georg Friedrich Händels »Lascia la Spina« (»Rinaldo«).

Werke Georg Friedrich Händels ergänzten das sonst von Graun bestimmte Programm. Das Kammerorchester Basel gehört seit Jahren zu den besten »Hausorchestern« in der Dresdner Frauenkirche und war auch dieses Mal ein glänzender Begleiter. Mit drei Concerti grossi (in steigender Brillanz) bereicherte es die Arien, setzte eine erfrischende Sinfonietta Carl Heinrich Grauns (»Coriolan«) an den Beginn des zweiten Programmteils. Mit der Erfahrung der Jahre und einer Achtsamkeit im Umgang mit dem Raum lassen sich eben nicht nur schöne Violin- und Oboenstimmen singen, sondern ganz erstaunliche Schattierungen in den Bässen erzeugen.

30. April 2017, Wolfram Quellmalz

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