Endlich! – Dresden hat wieder einen Konzertsaal

Michael Sanderling und die Dresdner Philharmonie erobern mit Julia Fischer ihr neues Refugium

Der 28. April ist ein Meilenstein für das Orchester – endlich, nach dem »Ausklang« am 30. Juni 2012 und nahezu fünf »Wanderjahren« kehrte die Dresdner Philharmonie mit einem Festakt in den neueröffneten Kulturpalast zurück. Dort, im und am Palast, wurde vieles erhaltenswerte erhalten, der Saal indes ist vollkommen neu – ein wahrgewordener Traum.

Und der (um die Gastreden auslassend gleich zur Musik zu kommen, im nächsten Heft der Neuen [musikalischen] Blätter wird es einen ausführlichen Bericht geben) klang zunächst wie ein Alptraum – draußen. Dort war für all jene, die nicht drinnen sein konnten, eine Bühne aufgebaut, auf der auch eine Konzertübertragung zu sehen war, danach gab es eine Lichtshow an der Fassade des Palastes. Zuvor jedoch, in einem Rahmenprogramm, wurden die ankommenden Konzertbesucher von brüllend lauter Popmusik begrüßt. Daß der Kulturpalast unterschiedlichen Genren ein Zuhause werden soll, ist gewollt und bekannt, ein derart grobes Aufeinanderprallen der Geschmäcker jedoch eine Zumutung. Da konnte man nur schnell flüchten – glücklich, für wen es hinein ging.

Und hier zeigte sich gleich zu Beginn, daß der Saal sein farblich harmonisches Leuchten auch in einem klanglichen wiedergeben kann. Michael Sanderling hatte Dmitri Schostakowitschs »Festliche Ouvertüre« an den Anfang gesetzt, die gleich einmal in allen Instrumentengruppen glitzerte. Man konnte schnell das Gefühl gewinnen, daß auch die Musik und die Besucher hier zu Hause seien. Die Streicher – die Basis! – klangen samtig, fein, einzelne Holzbläsersoli hörte man klar heraus, kräftige Hornstöße wetterleuchteten fröhlich – ein optimistisch stimmender Beginn.

Nach der Begrüßung durch Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert und der Festrede des Bundesministers für Finanzen Dr. Wolfgang Schäuble kam es zum vielleicht wichtigsten Teil des Abends, Felix Mendelssohn Bartholdys zweitem Violinkonzert. Wichtig deshalb, weil das Konzert zum Kernrepertoire gehört, weil Mendelssohn klingen muß, aber auch, weil als Solist nicht einfach der oder die bestmögliche eingeladen worden war, sondern mit Julia Fischer eine langjährige Partnerin der Philharmonie und demzufolge Wunschbesetzung. Spätestens hier konnte man sich zurücklehnen – ja, der Saal »trägt« den Klang, ist warm, läßt die Musik strömen, fließen. Je feiner, desto besser, war der erste Eindruck. Julia Fischer kostete denn die Einleitung des dritten Satzes genüßlich aus. Soli schimmerten – Mendelssohn liebt und braucht diese leichtfüßige Lebendigkeit. Da hätte man sich eigentlich noch eine Solozugabe gewünscht, natürlich Bach, aber die entfiel an diesem langen Eröffnungsabend verständlicherweise – die Festkonzertbesucher des Wochenendes werden sie wohl bekommen.

Julia Fischer zeigte sich im Pausengespräch begeistert, sie habe den neuen Saal nicht nur »sehr gut«, sondern als »herausragend« und »inspirierend« empfunden. Sie bekäme etwas zurück, eine klangliche Rückmeldung, verglich ihre Empfindung mit der in Luzern – eine erste Standortbestimmung.

Die ursprüngliche Uraufführung Krystof Pendereckis »Chinesische Lieder« mußte leider verschoben werden, da das Werk nicht rechtzeitig fertig geworden war, doch fanden Bariton Matthias Goerne und die Philharmonie einen wohlklingenden Ersatz – drei Schubertlieder in Bearbeitungen für Bariton und Orchester. Über die Bearbeitungen soll hier einmal nicht gestritten werden – was man hörte, war vom feinsten. Schubert ist in den letzten Jahren ein Teil der musikalische Heimat Matthias Goernes geworden, zu der aber auch Hanns Eisler und Luciano Berio gehören. »An Sylvia«, »Pilgerweise« und der »Tränenregen« aus »Die schöne Müllerin« offenbarten, wie mühelos Goerne zu gestalten vermag. Der Saal nahm den strömenden Gesang angenehm auf – hörbar und verständlich bis in kleinste Nuancen, ein Hauch allein genügte. Michael Sanderling fand diesen feinen Hauch, ein leises Schimmern, auch mit seinen Musikern.

Den musikalischen Abschluß gab es mit Ludwig van Beethovens »Ode an die Freude« aus der neunten Sinfonie – natürlich. Ralf-Carsten Brömsel hatte den Konzertmeisterstuhl von Heike Janicke nach dem ersten Konzertteil übernommen, der Philharmonische Chor und der Philharmonische Kinderchor fügten sich mit dem MDR Rundfunkchor zu einer Einheit, welche – rechts die Herren, links die Damen – die Orgel auf den Emporen umrahmten.

Die Erfahrung, daß fein besonders gut geht, Leichtigkeit hat, bestätigte sich noch einmal. Die Steigerung des Themas, das mit leise grummelnden Bässen beginnt und allmählig anschwillt, gelang hervorragend. Im Fortissimo oder in groß besetzten Teilen mag man hier und da noch feilen – das gehört dazu. Monate sind dafür vorgesehen, Rückmeldungen kennenzulernen und sich darauf einzustellen – die NDR-Elbphilharmonie hatte im Vergleich Monate Zeit, sich vorzubereiten, für die Dresdner Philharmonie blieben nur zwei Proben. Akustiker bemessen den Prozeß des Einrichtens, in dem justiert wird und man Erfahrungen mit dem Ausrichten von Klangspiegeln sammelt, gar mit zwei bis drei Jahren – das wußte man vorher, man gönne dem Orchester in seinem neuen Zuhause diese Zeit! Im kommenden Monat schon werden die Erfahrungen noch um jene der Gastorchester während der Dresdner Musikfestspiele bereichert.

Fürs erste also kann man nur den gelungenen Einstand feststellen: warm, samtig, glänzend – endlich!

29. April 2017, Wolfram Quellmalz

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