Meetingpoint Music Messiaen – Der Anfang von allem liegt in der Unendlichkeit

Quartett »Auf das Ende der Zeit« nicht als Endpunkt der Musik

Es gibt bedrückende, beklemmende oder bedrohliches Situationen, die sich mit einem direkten Bezug in den Werken von Künstlern wiederfinden lassen. Es gibt aber Situationen, selbst katastrophale, die gerade das Gegenteil auslösen – man denke nur an Beethoven, dessen Vorstellungsvermögen und schöpferischer Geist gerade während der Ertaubung des Komponisten die unglaublichsten Stücke evoziert hat. Robert Schumann schrieb, während in Dresden von den Barrikaden geschossen wurde, Lieder und Kammermusik von betörendem Liebreiz. Und Olivier Messiaen verfaßte in der Gefangenschaft eines Kriegslagers sein »Quartuor pour la fin du temps«.

Die naheliegende Vermutung, Messiaen verliere sich in düsteren, endzeitlichen Gedanken oder im gellenden Schmerzensschrei, geht fehl. Vielmehr suchte und fand der Komponist offenbar Hoffnung in religiösen Bildern und – Messiaen war ein bewanderter Ornithologe – in der Beschäftigung mit dem Gesang der Vögel. Vielleicht folgte er schlicht einem eskapistischen Impuls, der ihm half, eine schwierige Situation zu überstehen – zu überleben. Und so entstand ein Werk, das von ungeheurer und ungebrochener Ausdrucks- und Lebenskraft zeugt, das zwar Erfahrungen des Leides und der Angst einschließt, sich aber niemals in Hoffnungslosigkeit verliert.

Olivier Messiaens Werk mit der Verzeichnisnummer 1273 ist genaugenommen kein Quartett. Schon in der Besetzung Klarinette – Violine –Violoncello – Klavier weicht es vom üblichen Klavierquartett ab, auch formal und in der Anlage ergeben sich Unterschiede. In acht Sätzen beschreibt Messiaen Episoden (zu denen er seine Gedanken in einer Art Programm formuliert hat), welche die vier Musiker unterschiedlich erzählen. Längst spielen nicht immer alle vier zusammen wie in einem »richtigen« Quartett, ganze Sätze oder wesentliche Passagen werden von einzelnen Instrumenten (Klarinette / 3) oder im Duett (Violoncello und Klavier / 5, Violine und Klavier / 8) gestaltet.

Vor zehn Jahren wurde das Projekt des Meetingpoint Music Messiaen ins Leben gerufen, ein Zentrum der Musik und der Begegnung in Görlitz / Zgorzelec errichtet – dort, wo einst im Lager Stalag VIII A Olivier Messiaen und etwa 120.000 weitere Soldaten interniert gewesen waren. Seit 2008 erklingt das hier komponierte und uraufgeführte Werk im neuen Musikzentrum mit jeweils wechselnden Spielern. Sie kommen aus Polen, Deutschland, aus ganz Europa, immer wieder waren Musiker der beiden großen Dresdner Orchester beteiligt. In diesem Jahr gab es nach der alljährlichen Aufführung im Januar am 27. April, dem 25. Todestag Olivier Messiaens, einen zweiten Konzertabend. Er wurde von Mitgliedern der Sächsischen Staatskapelle (Robert Oberaigner / Klarinette, Matthias Wollong / Violine und Friedwart Christian Dittmann / Violoncello) sowie dem Gastdirigenten Myung-Whun Chung (Klavier) bestritten.

Im Gespräch mit dem Konzertdramaturgen Tobias Niederschlag reflektierte Myung-Whun Chung zunächst noch einmal seine persönlichen Erfahrungen mit Olivier Messiaen und seiner Musik, aber auch mit dem für ihn wichtigen Mentor Carlo Maria Giulini.

In Messiaens Quartett hat der Pianist keine herausgehobene Stellung. vielmehr ist er akkordischer Begleiter, der oft den musikalischen Hintergrund bereitet, einen Glockenton hervorbringt oder der Klangschatten seiner Partner ist, während die anderen Instrumente mit gesanglicher Gestaltungskraft beitragen müssen – dies gelang mit großer Intensität! Robert Oberaigner kann auf seiner Klarinette im leisesten einen Ton erzeugen, der mehr als nur ein Lufthauch ist, der seinen musikalischen Kern nie verliert. Gleich mehrfach ergaben sich Bezüge in den Vocalisen, die von den beiden Streichern vorgetragen wurden. Gerade hier schien der Bezug aufeinander geradezu immanent, die Formulierung von Gedanken und Hoffnung. Und wenn Olivier Messiaen »Intermède« titelt, spielte das Trio (ohne Klarinette) in zwar heiterem Grundton, aber doch eben als Episode, ohne Schlußwort – ein Symbol der Vergänglichkeit. Gerade in Duetten entfalteten die Musiker eine meditative Kraft, aber selbst vermeintlich kalte Passagen, die Einsamkeit suggerieren, offenbarten sie den Gehalt von Messiaens Musik – Unendlichkeit ist eben keine Leere. Im Quartett der Staatskapelle ergab sich eine Fülle intensiver Bezüge, aber auch die Leichtigkeit, mit der sich der Gesang eines Vogels aufschwingt in den Himmel.

28. April 2017, Wolfram Quellmalz

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