Zwei Werke – eine Passion

In Radebeul erklang eine ergänzte Markuspassion Johann Sebastian Bachs

Aus der Fülle der Musik, welche einen Bezug zur Passionszeit und zum Osterfest haben, ragen Werke wie Johann Sebastian Bachs Matthäus- und Johannespassion natürlich heraus. Wer sich im Aufführen oder Anhören nicht zu oft wiederholen möchte, findet zahlreiche weitere interessante Beiträge, Reinhard Keiser oder Carl Heinrich Graun sind nur zwei von vielen. Knifflig wird es, will man das Unaufführbare aufführen oder etwas verlorenes. So schrieb Johann Sebastian Bach auch eine Markuspassion, jedoch ging das Werk praktisch verloren, zumindest die Musik. Doch weil Bach eben Bach ist, gab es zahlreiche Versuche, BWV 247 zu rekonstruieren. Während sich Arien, Chorpassagen und Choräle auf den Komponisten zurückführen ließen, existiert für die dazwischenliegenden Rezitative keine entsprechende Basis. Was tun? Eine gängige Praxis ist es, diese Texte vorlesen zu lassen. Einen weit experimentelleren Weg ging 1981 der Kirchenmusiker und Komponist Volker Bräutigam. Er ergänzte auf Basis der 1964 von Diethard Hellmann rekonstruierten Fassung die fehlenden Teile, jedoch in keinem imitatorischen oder parodistischen Stil, sondern in einer Musiksprache seiner Zeit. Deren Zentrum fand Volker Bräutigam in der Zwölftonmusik, mit welcher er die traditionsbehaftete Oratorienaufführungen auffrischen wollte.

Am vergangenen Karfreitag fand die Fassung der Markuspassion nach Bach / Bräutigam in der Radebeuler Lutherkirche eine Wiederaufführung. Für Kirchenmusikdirektor Gottfried Trepte, der in den Achtzigerjahren selbst einmal die Evangelistenpartie sang, war die Leitung der Aufführung ein persönliches Anliegen. Er hielt sich an die vom Bearbeiter gedachte räumliche Trennung der Beteiligten, stellte also rekonstruierten Bach (Chor und Orchester) und Ergänzungen (Solisten, Orgel, Schlagwerk) gegenüber. Ganz klar: harmonisch fügt sich diese Musik nicht ineinander. Doch prallen Welten und Gewalten nicht auch in dem aufeinander, was uns die Evangelisten erzählen?

Sowohl die räumliche Trennung als auch die Musik schienen die Besucher zum Hinhören aufzufordern. Fordernd, so läßt sich Bräutigams Musik umschreiben, der vor allem mit Klängen arbeitet, weniger melodisch einnimmt als durch Akkorde und Effekte. Die Gesangspartien des Volkes, das »kreuziget ihn!« schreit, malt er weniger aus, regt dafür eine äußere Betonung durch vielfältige, klanghafte Schlagwerke an (wenn der Zug zur Kreuzigung schreitet). Michael Käppler (Evangelist) und Timo Hannig (Jesus) prägten die Rezitative nachhaltig, so sperrig sie sich für viele angefühlt haben mögen. Dem gegenüber sorgten die Solisten Josephine Brüning (Sopran), Hakbum Ahn (Tenor) und vor allem Pauline Weiche (Alt) für ein Verweilen und Innehalten. Der Chor der Luther-Kantorei und die Elblandphilharmonie Sachsen umfingen die Solisten und schafften vor allem mit den Chorälen faßbare Bezugspunkte.

15. April 2017, Wolfram Quellmalz

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