Gedankenreicher Abend

Dresdner Motettenchor mit drei a-capella-Werken in der Dreikönigskirche

Es ist schon beeindruckend, was die Musikstadt Dresden hervorzubringen vermag. Vor allem: Musik, Menschen, die sich mit ihr auseinandersetzen und Freude daran haben, und das auf hohem Niveau! So findet man neben den beiden großen Orchestern und dem Kreuzchor zahlreiche Laienensemble und -chöre, und deren künstlerischer Beitrag ist erstaunlich. Der dresdner motettenchor brachte am Mittwoch in der Dreikönigskirche (Wiederholung des Konzerts am Freitag in Radeberg) nicht eine bekannte Passion zu Gehör und keine unbekannte Barockausgrabung aufs Programm gesetzt, sondern drei moderne Werke des 20. Jahrhunderts.

Doch der Konzertabend begann für viele mit einem Besuch der kleinen Ausstellung im neuen Galerieraum des Hauses: Hier versammeln sich beeindruckende, geist- und auch humorvolle Arbeiten des Holz- und Steinbildhauers Friedrich Press. Jesus am Ölberg und die Kreuzigung gehören zu den Inhalten der imposanten, anregenden Skulpturen und Skizzen. Die Entstehungszeit der Exponate erstreckt sich über 30 Jahre. In sie fällt auch das 1977 geschriebene »Five lenten motets« des tschechischen Komponisten Antonín Tučapský. Mit diesem Oratorium schloß der Chor sein Konzert ab. Zuvor waren Werke aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu hören gewesen: Kurt Thomas‘ »Fürwahr, er trug unsere Krankheit« sowie Hugo Distlers »Choralpassion«.

Die Vertonung des Bibeltextes durch Kurt Thomas ist von ausgeprägten Wechseln im Stimmungsbild der Versezeilen gekennzeichnet. Gerade hier, in der emphatischen Auslotung von Zweifeln, Ängsten, Hoffnung oder Verheißung, zeigte sich der dresdner motettenchor auf seiner Höhe und vermochte die Worte der Botschaft zu beflügeln.

Von Hugo Distler, der gleichfalls einmal den Bibelvers aus Jesaja 53 vertont hatte, erklangen zweiter Stelle die »Choralpassion«. Sie baut auf die Strophen des Chorals »Jesu, deine Passion will ich jetzt bedenken« und verlangt acht Solisten bzw. Vorsänger, wobei Jesus (Stephan Becker) und Evangelist (Christian Lutz) auch hier die Hauptanteile hatten. Dem Chor gelang es wiederum, mit expressiver Gestaltung zu beeindrucken, vor allem dann, wenn er mit geteilten Stimmen und Texten die tragende Rolle spielte oder die Situationen des anklagenden oder fordernden Volkes gestaltete.

Antonín Tučapskýs Ostermotette greift ebenfalls den Passionsgedanken auf, erzählt die Geschichte jedoch nicht nach, sondern nimmt Bezüge, reflektiert Gedanken. Tučapskýs Musik enthält sehr viel mehr Wärme und polyphone Harmonie, als in den zuvor erklungenen Werken enthalten ist. Und dennoch kam nicht der Eindruck auf, als »beschönige« man nun das, was eben gehört worden war. Die Eigenständigkeit des Werkes und die Hingabe, mit der es vorgetragen worden war, überzeugten erneut.

13. April 2017, Wolfram Quellmalz

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