Von luftig bis wuchtig

Emmanuel Pahud und die Philharmonie auf Elementarsuche

Das Albertinum mag eine der gefühlt kühleren Ersatzspielstätten für die Dresdner Philharmonie sein, gleichwohl gab es bereits viele lichte Momente im Lichthof zu erleben, so auch wieder am vergangenen Sonnabend. Die Stücke des Programms hatten entweder vor langer Zeit (Berlioz: 1960, Ibert: 1991) oder noch nie auf dem Plan das Orchester gestanden.

Hector Berlioz‘ »Fausts Verdammnis«, der von Zeitgenossen eine zurückhaltende Zurkenntnisnahme widerfahren war, vielleicht auch, weil sie sich stilistisch so schwer zuordnen läßt, ist für unsere Ohren ein reizvolles Stück, daß eine Bilderflut im Kopf des Zuhörers auslöst. Mindestens der »Ungarische Marsch« ist ein beliebtes, schwungvolles Werk fürs Wunschkonzert – schon insofern war es schön, es endlich wieder einmal ganz und im Konzert zu hören. Dem feurigen Marsch, der übrigens ganz sanft ausklang, gingen zwei leichtfüßige Sätze voraus, wobei im Menuett bereits Flöten mit pizzicierenden Streichern wettirrlichterten, während der »Sylphen-Walzer« in Harfenseligkeit sagenhafte Nebelschleier einfing.

Die Flöten hatten damit unter Vassily Sinaiskys Leitung bereits wesentlich dazu beigetragen, Elemente der Leichtigkeit und des Fließens – Licht, Luft und Wasser – zu beschwören. Mit Jacques Iberts Flötenkonzert und Emmanuel Pahud, dem Soloflötisten der Berliner Philharmoniker als Gast, wurde diese Lebendigkeit noch einmal gesteigert. Während die Ecksätze von halsbrecherischen Sprüngen und Läufen geprägt sind, verlangt das Andante einen beruhigten, singenden Ton. Über alle Struktur jedoch bestimmen typisch französische Elemente, nicht nur des Impressionismus‘, ein Bild der Klangsinnlichkeit. Emmanuel Pahud meisterte denn die virtuosen Anforderungen auch nicht »sportlich«, sondern mit elementarer Frische, Eleganz und Ausgewogenheit; selbst dann, wenn ihm kaum Zeit blieb, Luft zu holen. Die Philharmoniker belebten das Stück behend und betonten die Exotik. Anklänge an den Jazz verleibten sie dem Werk ein, ohne daß sich der Eindruck eines Bruches oder der Sperrigkeit ergeben hätte. Und als wäre all dies nichts, griffen Solist und Orchester den dritten Satz mit seinem emphatisch hervorgeschleuderten Klangblitz am Schluß als Zugabe noch einmal auf. Die Blumen gab es ausnahmsweise von Mareike Thrun, der Dresdner Soloflötistin.

Edward Elgars zweite Sinfonie erlebte nach der Pause ihre Premiere bei der Philharmonie. Auf Leichtigkeit folgten Üppigkeit, Reichhaltigkeit und Schwere. Vassily Sinaisky fügte dem Abend das Feuerelement hinzu, Elgars Werk ist allerdings auch nicht frei von Pathetik. Immer wieder schwelgen die Streicher für Momente, jedoch wird die Sinfonie trotz einer nicht zu verleugnenden Behäbigkeit immer wieder von Wechseln belebt. Mit viel Blech, Pauken und Bässen kann ihre Opulenz erschlagen, Vassily Sinaiskys gelang es allerdings bestechend gut, Maß zu halten, so daß Motive und Färbungen – die Elemente – stets klar und durchhörbar blieben. Und ganz ohne Noblesse (Allegro) und Leichtigkeit kommt Elgar doch nicht aus. Besondere Spannung schöpfte Sinaisky aus den Momenten der Reduktion, als etwa im Larghetto das Fagott aus einem Streicherraunen hervorrief.

19. März 2017, Wolfram Quellmalz

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